Ai Weiwei bei der Eröffnung seiner Retrospektive in der Albertina modern in Wien.

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Er ist der bekannteste Künstler Chinas – zumindest im Westen. Während Ai Weiwei in China offiziell totgeschwiegen wird, gilt er im Westen als unermüdlicher Kämpfer für Aufklärung und Meinungsfreiheit. Mindestens genauso spektakulär wie seine Kunstwerke sind Ai Weiweis aktivistische Arbeiten. Beide sind nicht immer leicht voneinander zu trennen, wie jetzt auch die Ai-Weiwei-Retrospektive In Search of Humanity in der Albertina Modern zeigt. Die Videoversion dieses StandArt-Gesprächs sehen Sie hier.

STANDARD: Wie haben Sie die vergangenen Wochen seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erlebt?

Weiwei: Wir erleben einen brutalen Angriffskrieg. Ukrainische Wohngegenden werden bombardiert, viele fliehen in die Nachbarstaaten. Russlands Vorgehen ist nicht akzeptabel und erschüttert uns. Westliche Nationen haben geglaubt, dass so etwas in Europa nicht möglich sei und nur anderswo, etwa im Mittleren Osten, passiere. Jetzt passiert es wenige Hundert Kilometer entfernt.

STANDARD: Hatte der Westen zu viele Illusionen, was Putin und Russland anbelangt?

Weiwei: Wenn wir die Ursachen dieses Krieges ergründen wollen, wird es sehr kompliziert. Man wird sich die Rolle der Nato, der EU, der USA und von Russland in den vergangenen Jahrzehnten ganz genau anschauen müssen. Es gab viele falsche Einschätzungen, auf allen Seiten, weswegen auch so viele vom Einmarsch Russlands überrascht waren. Es gilt, sich jetzt gemeinsam hinzusetzen und das Problem realistisch und rational zu lösen.

STANDARD: China probiert einen diplomatischen Drahtseilakt, indem es zu allen Parteien auf Distanz bleibt. Wie schätzen Sie Chinas Lage ein?

Weiwei: Nachdem wir uns mitten in einem Krieg befinden, ist das schwer zu sagen. Die Situation ändert sich laufend. Derzeit hat China eine gewichtige Position, durch seine neutrale Position kann es bei Verhandlungen der neuen Weltordnung eine wichtige Rolle spielen.

STANDARD: China ist einer der letzten möglichen Verbündeten Russlands. Wie sehen Sie das derzeitige Verhältnis der beiden Staaten?

Weiwei: Für China ist es strategisch gesehen wichtig, in Bezug auf Russland vorsichtig zu agieren. China hat Probleme mit Taiwan – eines der erklärten Ziele ist, die Insel China einzugliedern. Man wird also sehr vorsichtig in der Beurteilung des Einmarschs Russlands in die Ukraine sein. Russland wiederum braucht die Unterstützung Chinas.

STANDARD: Einer der guten Konsequenzen dieses Krieges ist, dass Europa so eng beieinandersteht wie lange nicht mehr. Stimmt Sie das hoffnungsvoll?

Weiwei: Nein, das ist eine sehr oberflächliche Betrachtung. Europa wird nicht von einem gemeinsamen Wertefundament zusammengehalten, sondern von einer schlichten Notwendigkeit.

STANDARD: Sie haben beinahe Ihr ganzes Leben mit Zensur leben müssen. Was macht das mit einem, und wie kann man damit umgehen?

Weiwei: In China sind alle Informationen gesteuert, sind Teil von Propaganda. In Russland scheint das mittlerweile ähnlich. Aber es gibt einen großen Unterschied: In Russland kann gegen den Krieg demonstriert werden, in China wäre das vollkommen unmöglich. Im Westen wird so viel über die Freiheit der Presse und die Informationsfreiheit gesprochen, schauen Sie sich allerdings die Situation von Julian Assange an: Würde er an die USA ausgeliefert, hätte er mit sehr ernsten Konsequenzen zu rechnen. Der Westen ist scheinheilig, das zeigt dieser Fall ganz deutlich.

STANDARD: Ist das nicht ein gänzlich unterschiedlich gelagerter Fall?

Weiwei: Im Westen muss nicht um Freiheit gekämpft werden, die Lebensbedingungen hier sind andere. Aber auch hier gibt es Fälle, wo Freiheit und Menschenrechte nicht eingehalten werden und durch Scheinheiligkeit verdeckt werden. Das korrumpiert eine gesamte Gesellschaft. Es geht immer um die Wahrheit.

STANDARD: Kann Zensur so engmaschig ausfallen, dass eine Gesellschaft wie die russische kontrolliert werden kann? Soziale Medien etwa sind schwer zu überwachen.

Weiwei: In China ist die Zensur natürlich extrem, aber alle Regierungen üben Zensur aus, damit eine Gesellschaft funktioniert. Das ist auch im Westen so, auch hier gibt es in den Mainstream-Medien oder in den sozialen Netzwerken Zensur. So funktioniert Macht, so funktionieren die Interessen großer Unternehmen. Wenn wir darauf nicht achten, verspielen wir die Demokratie.

STANDARD: Wo sehen Sie im Westen konkret Zensur?

Weiwei: Schlagen sie nur eine Zeitung auf, und beobachten sie, wie wenig Platz Diskriminierungen eingeräumt wird. Oder wie wenig das Desaster der USA in Afghanistan diskutiert wurde. Die Berichterstattung über die Ukraine in einer Woche übertrifft die Berichterstattung über Afghanistan von 30 Jahren. Warum spricht niemand über den Krieg im Jemen? Ist menschliches Leben unterschiedlich viel wert? Wir wissen alle um diese Konflikte, aber es kümmert uns nicht.

STANDARD: In Ihren Memoiren schreiben Sie, dass Diktaturen die Kunst fürchten sollten. Ist Kunst wirklich so mächtig?

Weiwei: Wenn Kunst sich gegen Lügen stellt, sich für die Wahrheit und für Fakten einsetzt, dann kann das eine Diktatur nicht zulassen. Das ist der Grund, warum man mich verschwinden lassen musste und mich ins Gefängnis gesteckt hat. Man konnte nicht zulassen, dass sich meine Stimme Gehör verschafft. Das wäre zu gefährlich.

STANDARD: Manche argumentieren, dass der Westen russische Produkte boykottieren sollte, auch russische Kunst bzw. russische Künstler. Wie sehen Sie das?

Weiwei: Die Stimmen einzelner Künstler zu boykottieren ist lächerlich und zeigt nur, wie schwach der Westen ist. Das wirkliche Problem kriegt man nicht in den Griff und stürzt sich stattdessen auf Einzelne, die mit dem Konflikt nichts zu tun haben. Wodka zu verbieten oder Tschaikowsky nicht mehr zu spielen: Das ist gefährlich, populistisch und schürt nur weiter den Hass.

STANDARD: Haben Sie Verständnis dafür, wenn russische Künstlerinnen und Künstler sich in ihrer Haltung zum Krieg deklarieren sollen?

Weiwei: Warum sollte man jemanden bestrafen, weil er nicht gegen jemand anderen ist? Jeder Mensch kann seine eigene Meinung haben, ob er oder sie dabei richtig liegt oder nicht. Ein Staat hat kein Recht, jemanden zu zwingen, sich zu deklarieren. Das wäre genauso brutal wie die Invasion in die Ukraine selbst.

STANDARD: Sie haben in den vergangenen Jahren viel mit Flüchtlingen gearbeitet, haben die europäische Tatenlosigkeit auf Lesbos oder in Moira angeprangert. Derzeit ist die Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine groß. Erstaunt Sie das?

Weiwei: Viele Ukrainer sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, und benötigen Hilfe. Ich bin über die europäische Hilfe nicht erstaunt, aber es erstaunt mich, dass anderen Flüchtlingen, ob ihrer Herkunft oder Hautfarbe wegen, die Hilfe verweigert wird.

STANDARD: Gibt es "gute" Flüchtlinge versus "böse" Flüchtlinge?

Weiwei: Es gibt nicht nur unterschiedliche Standards im Umgang mit Geflohenen. Europa hat im Allgemeinen unterschiedliche Standards im Umgang mit Demokratie, Redefreiheit und Menschenrechten. Das ist verletzend.

STANDARD: Ihre Wiener Ausstellung heißt "In Search of Humanity": Wo ist die Menschlichkeit geblieben?

Weiwei: Wo es Menschen gibt, gibt es auch Menschlichkeit. Aber es gibt Zeiten, wie etwa in den 1930er-Jahren, wo die Menschlichkeit verschüttgeht. Wenn wir nicht aufpassen, kann das wieder passieren. (Stephan Hilpold, 20.3.2022)