Autor Alexander Keppel schreibt im Gastblog über die Widersprüche des Westens im Umgang mit ukrainischem Mut und Leid.

Ein Samstag im April: Die Sonne zeigte sich für diesen Monat beinahe übermütig, Putin hatte medial Corona verdrängt, und ich hatte Lust spazieren zu gehen. Da sah ich ihn an den Stiegen des Donaukanals sitzen und in den launischen Frühlingshimmel blinzeln. Auf dem Kopf ein signalrotes Krempel-Beanie, auf der Nase eine Brille mit roségoldenem Gestell. Sein Alter lag gut versteckt in der Jugendverlängerung zwischen Ende zwanzig und Mitte dreißig. Mit einem bitteren Zug um den Mund bewegte er die Stricknadeln konzentriert in Youtube-Tutorial-Maschen. Unter seinen eifrigen Händen verwandelte sich die fliederfarbene Wolle zu einem kleinen, noch undefinierbaren Knödel. In seinem Gesicht stand geschrieben: Ich weiß, ihr findet es nicht ganz normal, dass ich hier sitze und stricke, aber ich bin eben so frei.

Ich stricke, und das ist auch gut so.
Foto: http://istockphoto.com/mediaphotos

Stricknadel oder AK47?

Wenige Hundert Kilometer ostwärts spielen sich Bilder ab, wie von einem anderen Stern: Während ukrainische Dörfer, Städte, Schulen, Soldaten und Zivilisten unter Dauerbeschuss genommen werden, verabschieden sich tausende junge Frauen in der gleichen Altersgruppe wie unser Strickfreund unter Tränen von ihren Ehemännern und Partnern. Diese müssen – und wollen auch meist – hinter der polnischen, slowakischen, ungarischen oder moldauischen Grenze der Ukraine zurückbleiben, um ihr Land vor der drückenden Übermacht der russischen Invasionsarmeen zu verteidigen, die dort seit dem 24. Februar auf Putins Order ihr Unwesen treiben. Nicht wenige der ukrainischen Frauen tun es den Männern gleich und ziehen ebenfalls ins Gefecht.

Kampfbereiter als der westliche Durchschnittsmann.
Foto: Reuters/SERHII NUZHNENKO

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Ernst Blochs Denkfigur der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen bekommt bei dieser Gegenüberstellung eine erdrückende Unmittelbarkeit. Hier Social-Media-Aktivismus aus dem Homeoffice, dort die Bereitschaft, für das Vater- oder Mutterland mit dem Sturmgewehr oder dem selbstgebastelten Molotow-Cocktail in der Hand das eigene Leben zu geben. Hier die postheroische Ego-Gesellschaft im Geltungsdrang ihrer postmodernen Hypersensibilitäten, dort das heroische Kollektiv, zusammengeschweißt in glühendem Nationalbewusstsein von einem übermächtigen Feind. Alles auf dem gleichen Kontinent mit der gleichen Geschichte, zur gleichen Zeit.

Jeder das ihre

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin unbedingt dafür, dass jeder und jede häkeln, stricken, backen, Motorrad fahren, Hochsee fischen oder schießen lernen kann, wie er oder sie möchte. Dennoch kann ich vor der archaisch-brutalen Realität des Ukraine-Krieges ein gewisses Unbehagen ob des momentan in den USA und Westeuropa, abseits migrantischer und ruraler Sphären, kolportierten Männerbildes nicht von der Hand weisen. Ob nun der Artschool-Twink mit lackierten Fingernägeln gewandet in Humana-Ironie oder der durchtätowierte Yoga-Yuppie mit Achtsamkeitsdiplom und Instagram-Monstera – sie alle sind nur schwer vorstellbar mit der AK47 im Anschlag in Wien-Neubau oder Berlin-Prenzlauer Berg im Häuserkampf stehend oder fallend.

Für viele Freunde und Bekannte, mit denen ich darüber gesprochen habe, ist der bewaffnete Kampf für die eigene Nation weiter weg als der Mars. Wenn überhaupt, so lassen sich bei ihnen Spuren eines Restpatriotismus höchstens noch notkanalisiert im biederen Regionalismus des Kulinarik-Connaisseurs beziehungsweise Foodies nachweisen. Umso mehr erstaunt es da, dass gerade diese mit nichts außer sich identifizierten nun über den ukrainischen Umweg vom Kelch des Nationalismus naschen wie von einer verbotenen Frucht.

Die Ukraine den Ukrainern!

Interessante Widersprüche tun sich hier auf: Leute, die dem Slumberwear Wodka-Bull-Populisten H.-C. Strache heute noch seine Paintballjugend vorhalten, sind die beinharten Kinder-Wehrsportlager veranstaltenden und unter der Wolfsangel kämpfenden Neofaschisten des Asow-Regiments ziemlich egal; immerhin machen die ja gerade einen guten Job in der Reality-Actionserie auf den Nachrichtenkanälen. Außer jenem auf Social-Media antrainierten Reflex, sich möglichst früh und gut sichtbar auf der richtigen Seite zu positionieren – was in diesem krassen Fall zweifelsohne die Ukraine ist –, haben sie mit dem Staat, dessen Flagge sie nun auf diversen Demos schwenken, meist überhaupt keinen Identifikationspunkt.

Gestern noch im Ibiza-Hohn oder bei Fridays for Future, schmarotzen sie heute von der ukrainischen Tragödie und schwelgen im Kollektivrausch der Gerechten wie vor kurzem noch die abstrusen Anti-Corona-Querfrontler am anderen Ende des politischen Spektrums. Es ist schon bezeichnend, dass sich die wohlmeinenden, wohlständigen Wehrdienstverweigerer nun am nationalen Behauptungskampfes der Ukraine berauschen wie am Ringen um Westeros. Ihnen und ihrer Eventsolidarität möchte man am liebsten zurufen: Die Ukraine den Ukrainern!

Eventsolidarität?
Foto: APA/HANS PUNZ

"Alle Russen sind nun unsere Feinde"

Bei allem verständlichen und von mir geteilten Furor ob des von Putin und seiner Clique der Ukraine aufgezwungenen Krieges schießen leider auch viele jener neuen Ukraine-Fans weit übers Ziel hinaus. Lautstark fordern viele vom Westen tote wie lebende russische Künstlerinnen und Künstler zu canceln, wo es nur geht. Oft unabhängig davon, wie und ob darunter jene, die es noch können, zu diesem Konflikt Stellung bezogen haben. Dieser totalitäre Positionierungsimperativ ist eine weitere toxische Unsitte, welche aus der Polarisierung und Debatteneskalation zum Geschäftsmodell habenden sozialen Medien in den politischen Raum geschwappt ist. Tweets wie: "Alle Russen sind nun unsere Feinde" vom zunehmend impertinent auftretenden Stepan-Bandera-Bewunderer und ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk in Deutschland sind abgesetzt von einem hochrangigen Diplomaten auch in erregten Zeiten wie diesen – man muss es leider sagen – ein klarer Fall von Berufsverfehlung.

#cancelrussia
Foto: A. Keppel

Gerade eine breite Front aus ukrainischen und russischen Künstlern, Aktivisten, Dissidenten und Putin-Gegnern könnte gemeinsam viel mehr Druck aufbauen als diese spaltende, unversöhnliche Rhetorik, die leider nicht so weit weg ist von jener des Kreml-Zaren und Neoimperialisten Putin. Es scheint auch in vielen der hiesigen beziehungsweise westlichen Köpfe nicht fruchten zu wollen, dass offener Protest gegen – oder auch nur leise Kritik – die offizielle, staatliche Erzählung der sogenannten "Militärischen Spezialoperation" in der Ukraine, für viele russische und weißrussische Bürger auch außerhalb ihrer Länder nicht so folgenlos bleiben muss, wie der Besuch mancher Donnerstagsproteste mit anschließendem Bierchen am Karlsplatz oder aber die Teilnahme an diversen verstrahlten Anti-Corona-Irrlichtereien hierzulande.

Einer weißrussischen Künstlerin, der ich vor zwei Jahren – während des Wahlbetrugsskandals in Belarus – ein Interview mit einem Wiener Stadtmagazin vermittelt hatte, ist kurz vorher aus Angst abgesprungen, sich darin über Lukaschenko äußern zu müssen. Die Videos jener jüngst vor den laufenden Kameras westlicher Medien festgenommener Russinnen und Russen kennen wir alle. Den Druck, der auf prominenteren Personen als jener Minsker Musikerin oder den Moskauer Passanten liegen muss, können wir uns im Schoße einigermaßen funktionierender Demokratien kaum ausmalen. Wer sich in Russland kritisch zu dem Ukraine-Feldzug äußert, muss mit Haftstrafen von bis zu zehn Jahren rechnen und ferner damit, dass auch Familie und enge Freunde durch die Behörden in Mitleidenschaft gezogen werden. Daher gilt für sie alle hier wie in allen anderen Lebenssituationen selbstverständlich: "Sie haben auch das Recht zu schweigen."

Zurück an den Wiener Donaukanal: Schaut man über den bemützten Strickfreund hinweg an die Ufer des dritten Bezirks, so darf man feststellen, dass die Besitzer der Panoramawohnung an der Franzensbrücke ein deutliches Zeichen gesetzt haben: Die gesamte Brüstung ihrer Dachterrasse prangt nun in Blau-Gelb. Wir sind Ukraine. Man stelle sich bitte nur für einen Moment vor, dieses Banner wäre rot-weiß-rot – was für eine Provokation!

Höhere Energiepreise – kein Problem?!

Höhere Energiepreise? Kein Problem.
Foto: A. Keppel

Die Besten unter ihnen fordern jetzt, man müsse angesichts der von Putins Streitkräften verübten Gräuel in der Ukraine sofort aus dem Öl- und Gasgeschäft mit Russland aussteigen und eben mal das Dreifache für fossile Brennstoffe zahlen, wenn sie dann nicht mehr aus Russland, sondern aus US-amerikanischen oder katarischen Tankern kommen. Solidarisch gegenfinanziert wird hier von staatlicher Seite – ob in Deutschland oder Österreich – sicher nicht übermäßig. Aus Sicht der Besitzer jenes blau-gelb-beflaggten Dachterrassenappartements stellt dies aber bestimmt kein Problem dar. (Alexander Keppel, 16.5.2022)