Lange waren Technologietitel wie Amazon die Highflyer schlechthin an der Wall Street. Aber was hoch steigt, kann auch tief fallen.

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Viele Jahre hat die Technologiebranche an der Wall Street das Tempo vorgegeben. Seit der Finanzkrise ist sie gemessen am technologielastigen Nasdaq Composite Index von Rekord zu Rekord geeilt und hat Anleger mit weit überdurchschnittlichen Renditen verwöhnt. Mehr als 20 Prozent Zugewinn stehen in den Jahren 2009 bis 2021 durchschnittlich zu Buche – also mehr als das Doppelte davon, was Aktienmärkte historisch betrachtet einspielen können. Doch bereits Ende des Vorjahrs hat der Auftrieb merklich nachgelassen, bevor Technologieaktien heuer schwer ins Trudeln gekommen sind. Seit dem bisherigen Höchststand im November hat der Nasdaq-Index mehr als 20 Prozent verloren. Was hat dazu geführt?

"Die Corona-Pandemie war der Idealzustand für Technologieaktien", sagt Monika Rosen, Börsenexpertin der Österreichisch-Amerikanischen Gesellschaft. Die Branche habe Wirtschaft und Gesellschaft virtuell am Laufen gehalten, noch dazu haben fast alle Notenbanken weltweit die Geldpolitik stark gelockert. "Jetzt wendet sich das Blatt ins Gegenteil", erklärt Rosen. Wegen der hohen Inflation steigen die Zinsen nun fast allerorts, und es gibt eine Rückkehr ins normale Leben.

Kosten und Lieferketten

Rosen verweist auf eine Untersuchung, wonach die fünf großen Technologietitel Amazon, Apple, Microsoft, Alphabet (Google) und Meta (Facebook) im ersten Quartal 2022 zwar im Mittel ein elfprozentiges Umsatzplus verbuchen konnten, gleichzeitig aber die Gewinne um mehr als acht Prozent gesunken sind. "Bei steigenden Umsätzen gibt es offenbar Kosten- und Lieferkettenprobleme", fasst Rosen zusammen.

Auch für das Gesamtjahr sind die Prognosen verhalten. Demnach sollen die Big Five um 0,5 Prozent weniger verdienen, eine "rote Null", wie es Rosen nennt. Sprich, das Gewinnwachstum soll zum Erliegen kommen, nachdem im Vorjahr die Erträge noch um 58 Prozent emporgeschnellt sind. Ein Blick auf die Firmen offenbart deren Probleme.

·Amazon Bei dem weltgrößten Onlinehändler liefen die Geschäfte im ersten Quartal schlecht – hohe Kosten belasteten zu Jahresbeginn. Unterm Strich erlitt der Konzern einen Verlust von 3,8 Milliarden Dollar, vor allem wegen der milliardenschweren Wertkorrektur von Amazons Beteiligung am US-Elektroautobauer Rivian. Das brockte Amazon den ersten Netto-Quartalsverlust seit 2015 ein und der Aktie ein fast 38-prozentiges Minus verglichen mit dem bisherigen Höchststand.

·Apple Der iPhone-Erzeuger stellt sich nach einem beeindruckenden Lauf während der Pandemie auf einen kräftigen Rückschlag im laufenden zweiten Quartal ein. Apple rechnet damit, dass der Umsatz wegen der Corona-Lockdowns in Schanghai um vier bis acht Milliarden Dollar niedriger ausfallen könnte. Im ersten Quartal lief das Geschäft noch, der Gewinn stieg um sechs Prozent auf etwa 25 Milliarden Dollar. Mit minus 13 Prozent hat sich die Aktie auch vergleichsweise gut gehalten.

·Microsoft Der Trend zum mobilen Arbeiten hat sich für Microsoft zur treibenden Kraft entwickelt. Der Umsatz legte im ersten Quartal um 18 Prozent zu. Das Cloud-Geschäft zog dabei sogar um 26 Prozent an. Der Betriebsgewinn stieg um 19 Prozent auf 20 Milliarden Dollar. Derzeit will der Softwarekonzern den Spieleentwickler Activision Blizzard für 69 Milliarden Dollar kaufen. Das Papier notiert um fast ein Fünftel unter dem bisherigen Hoch.

·Facebook-Mutter Meta Die Facebook-Mutter Meta ist im ersten Quartal so langsam gewachsen wie zuletzt zum Börsengang vor zehn Jahren. Schwächere Werbebudgets sowie Apples neue Datenschutzregeln ließen den Umsatz bloß um sieben Prozent klettern. Der Gewinn fiel aber wegen deutlich höherer Ausgaben wegen neuer Mitarbeiter und Investitionen in Produkte um etwa ein Fünftel auf 7,5 Milliarden Dollar. Die Aktie liegt um 46 Prozent unter ihrem Höchststand.

·Google-Mutter Alphabet Bei der Google-Eignerin Alphabet verlangsamt sich das zuvor rasante Wachstum. Der Umsatz legte im abgelaufenen Quartal zwar im Jahresvergleich um 23 Prozent zu, der Gewinn fiel jedoch um acht Prozent auf 16 Milliarden Dollar. Das Minus der Aktie seit dem Hoch beläuft sich auf 22 Prozent.

·Andere Völlig aus den Wolken gefallen sind kleinere, spezialisierte Anbieter, die zuvor an der Börse hochgejubelt worden waren. Netflix büßte erstmals seit mehr als zehn Jahren Kunden ein – an der Börse stürzte der Streamingdienst um 74 Prozent ab. Kaum besser erging es dem auf Audiostreaming spezialisierten Spotify mit minus 71 Prozent seit dem Hoch, der Videokonferenzanbieter Zoom rasselte gar um 82 Prozent nach unten.

Wie geht es im Technologiesektor weiter? Börsenexpertin Rosen erwartet zwar Gegenwind, zumal die Branche sehr sensibel auf steigende US-Zinsen reagiere. Ihr zufolge wird diesmal aber keine jahrelange Flaute der Technologiebranche an der Börse folgen wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase der Jahrtausendwende. Dafür seien die großen Technologiefirmen inzwischen zu profitabel. Wohl könnten an der Börse aber zeitweise andere Branchen in die Führungsrolle schlüpfen. (Alexander Hahn, 8.5.2022)