Was macht den Mittelstreifen so anziehend?
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"Rechtsfahrgebot" ist nicht unbedingt ein schönes Wort, das stimmt, es beinhaltet gleich zweierlei, worauf mancher und manche allergisch reagieren könnten. Zum einen: rechts. Und dann natürlich auch: Gebot. Wer will schon rechts sein? Aber während ich das aufschreibe, denke ich, es sind wahrscheinlich immer noch genug, aber darum geht es hier gar nicht. Bei den Geboten ist es aber schon so. Wer hält sich heute noch daran? Zumindest nicht an die zehn, die der Katholizismus seinen Schäfchen ans Herz legt. Okay: Du sollst nicht töten. Das macht schon Sinn und ist für die allermeisten keine Challenge, zumindest wenn es um Menschen und nicht um Tiere geht. Aber dann geht es auch schon los: Nur an einen Gott glauben? (Überhaupt an einen Gott glauben?) Den Tag des Herrn heiligen? (Und nicht gemütlich ausschlafen.) Nicht Ehe brechen, lügen oder stehlen? Eines anderen Frau (nicht zu vergessen: einer anderen Mann) und Gut begehren. Eben. Ich sehe schon, ich schweife hier ab, schere aus, genauso gnadenlos wie die Mittelstreifenfahrer und Mittelstreifenfahrerinnen gnadenlos auf ihrer Spur picken bleiben. Genau um die geht es.

Vorsicht und Nachsicht

Die werden Ihnen doch schon aufgefallen sein. Sie wissen sicher, wen oder was ich meine. Diese seelenruhigen Autofahrer und Autofahrerinnen, die auf einer dreispurigen Autobahn keinerlei Anstalten machen, jemals auf die rechte Seite rüberzufahren. Einfach nicht, unter keinen Umständen. Ich kann nur mutmaßen, und das mache ich hier jetzt auch, und mir dadurch ein bisschen Luft. Denn, ganz ehrlich, mich regen die schon auf. Sie nicht? Wenn da wieder jemand nicht und nicht auf die Seite fährt, da laufe ich heiß wie meine Kühlerhaube im Sommer, beginne zu schimpfen, aber lassen wir das. Ich sollte mich beruhigen und hier ein wenig Nachsicht walten lassen, indem ich mir einzureden versuche, dass es sich bei allen Mittelstreifenfahrerinnen und -fahrern um aus der katholischen Kirche Ausgetretene handelt oder um besonnene Links-Mitte-Wählerinnen und -Wähler, die es rein aus ideologischen Gründen nicht schaffen, sich ans geltende Rechtsfahrgebot zu halten. Das wäre viel zu schön, um wahr zu sein, und hat rein gar nichts mit der tristen Realität auf Österreichs Autobahnen zu tun.

Ich fürchte, es geschieht aus Unwissenheit und aus Unachtsamkeit. Autofahrerklubs sind dem mich tatsächlich rasend machenden Phänomen auf den Grund gegangen und, mehr noch, richtiggehend nachgefahren, haben die Missetäter und -täterinnen aufgehalten und – leider nein – nicht bestraft, sondern lediglich befragt. Die allermeisten, die stur in der Mitte einer dreispurigen Autobahn unterwegs sind, antworten auf die Frage, warum sie das denn tun, damit, dass es ihnen ein erhöhtes Sicherheitsgefühl gibt, weil sie dann jederzeit nach links oder nach rechts ausweichen könnten. Also automobile Wechselwähler und -wählerinnen gewissermaßen. So erklärt das die Umfrage. Und ich spüre schon wieder meine Kabel am Hals. Sicherheitsgefühl? Wie bitte? Ich höre wohl nicht richtig. Sind die komplett neben der Spur? Nein, leider noch immer nicht.

Versuch einer Typologisierung

So wie das Mittelstreifenfahrverhalten nichts mit Vorsicht zu tun hat, komme ich zum Ende meiner Nachsicht und blicke beim Überholen so verächtlich, wie ich es kann, rechts rüber. Wer bist du, schreit es in mir, wie kommst du zu diesem übergroßen Hang zur Mitte: Mittelmaß? Mittelstand? Leibesmitte? Über Jahre habe ich versucht, zu einer Typologie zu kommen. Sind es schwarze BMWs, rote Toyotas oder doch weiße Volkswagen, die da mittig unterwegs sind? Blondinen mit Sonnenbrillen? Männer mit Glatze? Vokuhila? Schnauzer? Rentnerehepaare, sie fährt? Rentnerehepaare, er fährt? Kombis? Mit auffälligen Felgen? Wunschkennzeichen? Durchreisende aus Rumänien, der Schweiz oder Frankreich? Liechtensteiner? Links lenkende Britinnen? Vehikel mit getönten Scheiben? Sonnenblenden? Oder "Kinder an Bord"- oder "Atomkraft? Nein danke"-Aufklebern drauf?
Der Autofahrerklub hat mein Scheitern in Sachen Klassifizierung bestätigt. Es sind Männer und Frauen, Alte und Junge, inländische und ausländischen Lenker und Lenkerinnen gleichermaßen, die mit dem Mittelstreifenfahren eine Verkehrsübertretung begehen, die kaum gefahndet und noch weniger geahndet wird.

So stur und riskant das Fahren auf mittlerer Spur ist, noch einmal toxischer wird die Angelegenheit, wenn Menschen wie mir dann das Geimpfte aufgeht. Ich oute mich ungern, aber mein Hang zu Erziehungsmaßnahmen für Mittelstreifenfans birgt weiteres Gefahrenpotenzial in sich. Erziehungsmaßnahmen klingt hier pädagogisch wertvoll. Wer schon einmal laut fluchend versucht hat, mit riskanten Dräng-, Schneide- oder sogar Hupmanöver jemanden zum Rechtsfahren zu bewegen, weiß, wovon ich rede. Erbärmlich, ich weiß.

Aber wer weiß, vielleicht gibt sich das Problem in Zukunft von selbst, wenn wir alle bloß noch nebeneinander Tempo hundert fahren oder überhaupt mit dem Zug. Apropos. Kennen Sie die Menschen, die beim Einsteigen immer als Erste bei der Türe reindrängeln? Aber das ist eine andere Geschichte. (Mia Eidlhuber, 24.7.2022)