Viele Verbraucher stellen die immer höheren Strom- und Energiepreise vor große Herausforderungen.

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Mindestpensionist "Ich weiß nicht, wie ich noch Lebensmittel einkaufen soll"

Satte 255 statt zuvor 87 Euro im Monat muss Thomas W. aus dem Bezirk Zwettl künftig für Strom bezahlen, dazu kommt eine Nachzahlung von 1047 Euro. Seit er bei einem Unfall ein Bein verloren hat, erhält W. eine Invaliditätspension von monatlich 950 Euro und etwas Pflegegeld sowie eine Ausgleichszulage. Gleichzeitig muss er aber Alimente für fünf Kinder, Miete, Autoleasing und Versicherungen zahlen, dazu noch Kreditraten. Schon jetzt hat er monatliche Fixkosten von 1000 Euro.

Um das Besuchsrecht für seine Söhne zu behalten, musste er gewährleisten, dass es in deren Schlafzimmer konstant zwischen 21 und 25 Grad hat. Da W. in einem alten Bauernhaus ohne Zentralheizung, dafür mit Holzöfen lebt, hat er einen mit Strom betriebenen Heizkörper gekauft. Seit 10. August ist die Nachzahlung schon fällig, aktuell kann er den Betrag nicht aufbringen. "Letztes Monat sind mir nicht einmal vier Euro übriggeblieben. Das haut mir so ein Loch ins Budget, ich weiß gar nicht, wie ich noch Lebensmittel einkaufen soll." (bere)

Stromkosten: von 87 € / Monat auf 255 € / Monat

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Verwitwete Pensionistin "Mir bleiben nur 15 Euro für den Supermarkteinkauf"

Nahezu verdreifacht hat sich der Strompreis für die 86-jährige Elfriede S. aus Wien. 195 Euro macht ihre Rechnung nun aus – Geld, das eigentlich für Lebensmittel und Rücklagen vorgesehen war. Etwas weniger als 15 Euro stehen der verwitweten Pensionistin nun nach Abzug von Miete, Betriebskosten und anderen fixen Ausgaben täglich zur Verfügung. Das heißt vor allem: noch mehr planen als früher. Sie besuche mehrere Supermärkte hintereinander, um jeweils Aktionen auszunutzen. Gekocht werde in großen Portionen, weggeschmissen wurde ohnehin nie viel.

Wenn nun auch die Heizkosten steigen, werde sie kaum über die Runden kommen, meint S. – aus ihrer Wohnung will sie trotz der hohen Miete nicht weg. Günstigere Mietobjekte gebe es in ihrer Gegend kaum, dort habe sie aber all ihre Freundinnen und Bekannten. "Zuerst konnte man wegen der Pandemie nicht raus, jetzt kann man sich fast nichts mehr leisten", seufzt sie – und hofft, dass kein Haushaltsgerät kaputtgeht. (red)

Stromkosten: von 70 € / Monat auf 195 € / Monat

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Wiener Modehändler "Diese Preise sind absurd. Das wird sich auf Dauer finanziell nicht ausgehen"

Ganze 17.000 Euro zahle er im Juli dem Verbund für Strom – um 10.000 Euro mehr als vor einem Jahr, erzählt ein Wiener Textilhändler. Für Energie aus 100 Prozent Wasserkraft, wohlgemerkt – und bei weniger Verbrauch, ergänzt er bitter. Dabei zähle der Einzelhandel nicht zu den Stromfressern. "Was spielt sich jetzt wohl in energieintensiven Branchen ab?"

Beleuchtung und Kühlung sind die größten Kostentreiber seines Unternehmens. Auf die Schnelle ließen sich keine effizienteren Klimaanlagen installieren. "Steigen die Temperatur in meiner Modefiliale auf 27 Grad Celsius, kann ich gleich zusperren."

Abends nach Sperrstunde auf Licht in den Schaufenstern zu verzichten könnten sich Händler wie er, die auf Laufkundschaft und Touristen, die abends durch Wien bummelten, angewiesen seien, ebenso wenig leisten. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als die Teuerung, die ihn viel Rentabilität koste, zu schlucken. "Diese Preise sind absurd. Das alles wird sich auf Dauer finanziell nicht ausgehen. Die Energiekosten müssen wieder sinken." (vk)

Stromkosten: von 7000 € / Monat auf 17.000 € / Monat

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Selbstständige "Solche Abrechnungen sind eine echte Bedrohung"

Rund 2800 Euro beträgt die Nachzahlung, die eine Wienerin und ihr Mann dieses Jahr an ihren Energieanbieter leisten mussten. Zusätzlich wurden die monatlichen Raten von zuvor 182 Euro im Monat auf jetzt 466 Euro für Strom und Gas angehoben. Die beiden sind selbstständig und haben drei Kinder, ihr Haushaltsnettoeinkommen beträgt insgesamt 4000 Euro im Monat, "wenn es gut läuft", sagt sie.

"Wir haben solche Summen wirklich nicht auf der hohen Kante." Seit der Pandemie sind die beiden verschuldet. Die Familie hat sich nun einen Plan erstellt, wie sie zukünftig Energie sparen kann. "Das Verrückteste an der Sache ist, dass wir jetzt mehr für Energie zahlen, als unsere Nettomiete, also ohne die Betriebskosten, ausmacht." Dennoch schätzt die Familie ihre noch vergleichsweise glückliche Lage: "Wir schaffen das irgendwie, aber mir ist rätselhaft, wie Menschen das machen, die weniger verdienen, da sind solche Abrechnungen eine echte Bedrohung. Ich bin fassungslos." (bere)

Energiekosten: von 182 € / Monat auf 466 € / Monat

(Bernadette Redl, Verena Kainrath, red, 14.8.2022)