In der Regel sind es die kuriosen, skurrilen Forschungsergebnisse, die bei den Ig-Nobelpreisen hervorstechen, doch heuer zeigte sich die Jury auch von ihrer romantischen Seite: Unter den diesjährigen Preisträgern, die nun in Cambridge (USA) verkündet wurden, ist ein Team, das den Gleichklang des Herzschlags zweier verliebter Menschen bewiesen hat. Etwas pragmatischer, aber ebenfalls aus dem Beziehungsbereich ist die Frage, für die eine andere Gruppe mit einem Preis belohnt wurde: Welchen Einfluss hat Verstopfung auf die Paarungsaussichten bei Skorpionen?

Seit 2012 werden die Preise an der Harvard-Universität von einer Jury an Projekte und Forschungen der etwas anderen Art verliehen. Ausgerichtet werden die Ig-Nobelpreise (von ignoble = schändlich oder unwürdig) von der Zeitschrift "Annals of Improbable Research", sie sind speziell jenen Ergebnissen gewidmet, die "zunächst zum Lachen, dann zum Denken anregen" können.

Höhepunkt des Ig-Nobel-Jahres

Als Höhepunkt des Jahres gilt die Verleihung der Preise im Sanders-Theater der Harvard-Universität in Cambridge. Die traditionell kuriose und erwartungsgemäß sehr unterhaltsame Show musste heuer jedoch wegen der Corona-Pandemie zum dritten Mal in Folge in abgespeckter Form als reiner Online-Event über die Bühne gehen – ein Jammer auch deshalb, weil viele Laureatinnen und Laureaten sich ihre Preise gerne persönlich abholen.

Marc Abrahams, Master of Ceremonies und Initiator der Ig-Nobelpreise. Hier hält er das Preisgeld hoch: einen Zehn-Billionen-Dollar-Schein aus Simbabwe.
Foto: AP/Michael Dwyer

Bellende Alligatoren

Auch Österreicher waren schon unter den solcherart Geehrten: 2020 wurden ein Team von der Universität Wien mit dem Ig-Nobelpreis in der Kategorie Akustik ausgezeichnet. Die Gruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie das Bellen von Alligatoren unter Heliumeinfluss klingt. So merkwürdig das zunächst erscheint, der Hintergrund ist durchaus ernst zu nehmen. Die Forschenden wollten herausfinden, welche Botschaften die Tiere mit ihren Drohlauten vermitteln und wie potenzielle Rivalen darauf reagieren.

Die gesamte 32nd First Annual Ig Nobel Prize ceremony kann man hier nacherleben:

Auch bei der rund anderthalbstündigen Online-Preisverleihung flogen Papierflieger, es gab Sketche und skurrile Kurzopern – beendet wurde der Abend von den traditionellen Abschlussworten von Moderator Marc Abrahams: "Wenn Sie dieses Jahr keinen Ig-Nobelpreis gewonnen haben, und besonders dann, wenn Sie einen gewonnen haben: mehr Glück im nächsten Jahr!"
Improbable Research

Liebesleben mit Verstopfung

Heuer sind die ausgezeichneten Studien nicht nur unterhaltsam, sie honorieren auch Alltagsprobleme: Wissenschafter aus Brasilien und Kolumbien erhielten einen der zehn Preise für die Untersuchung der Frage, ob und wie Verstopfung die Paarungsaussichten von Skorpionen beeinflusst. Der Preis sei eine "große Ehre", bedankten sich die Forscher während der vorab aufgezeichneten Veranstaltung – und demonstrierten das Erforschte anhand eines Stofftier-Skorpions.

Foto: APA/AFP/KHALED DESOUKI

Enten in Formation

Forschern aus China, Großbritannien, der Türkei und den USA wurde die Auszeichnung in der Kategorie "Physik" verliehen – für ihren Versuch zu verstehen, wie junge Enten in Formation schwimmen. Die Wasservögel surften dabei quasi auf der von ihrer Mutter ausgelösten Welle, erklärten das Team in seiner Dankesrede. "Ich fühle mich wie eine glückliche Ente", kommentierte einer von ihnen mit Quietschente im Bild. "Lasst es mich euch allen sagen: Ihr macht nicht wirklich Wissenschaft, wenn ihr nicht Spaß dabei habt."

Foto: APA/AFP/NATALIA KOLESNIKOVA

Ein anderer Elchtest

Der schwedische Forscher Magnus Gens wurde für die Entwicklung eines Elch-Crashtest-Dummys ausgezeichnet. Er sei "ehrlich geehrt und stolz, diesen Preis zu bekommen", sagte Gens. Bei seiner Forschung sei es vor allem darum gegangen, welche Auswirkungen der Zusammenstoß mit einem Elch auf ein Auto haben kann.

Foto: Magnus Gens

Synchrone Herzen

Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus Tschechien, den Niederlanden, Großbritannien, Schweden und Aruba wurden ausgezeichnet, weil sie Beweise dafür gesucht und gefunden hatten, dass die Herzfrequenzen von frisch verliebten Paaren sich angleichen, wenn sie sich zum ersten Mal treffen und zueinander hingezogen fühlen. "Es gibt auch Forschung, die darauf hinweist, dass verheiratete Paare – in guten wie in schlechten Zeiten – ihre Herzschlagfrequenz synchronisieren", sagte eine der beteiligten Wissenschafterinnen. "Die Menschen synchronisieren auf so vielen Ebenen, worüber sie sich nicht bewusst sind, und es beeinflusst die Entscheidungen, die sie treffen."

Foto: AP/Charlie Riedel

Gerichtsdokumente

Ein Team aus Kanada, den USA, Großbritannien und Australien (im Bild Eric Martinez vom MIT, USA) erhielt einen Preis für die Analyse der Frage, was genau gerichtliche Dokumente so schwer verständlich macht. Dafür hätten sie unter anderem Gerichtsdokumente mit populären Büchern und Umgangssprache verglichen, sagten die Wissenschafter.

Foto: AP/Michael Dwyer

Knaufdrehen und Darmspülungen

Japanische Forschende wurden für die Suche nach dem effizientesten Weg ausgezeichnet, wie Menschen ihre Finger einsetzen können, wenn sie einen Knauf drehen. Forscherinnen und Forscher aus den Niederlanden, Guatemala, den USA und Österreich beschäftigten sich mit "rituellen Darmspülungsszenen auf antiken Maya-Tonwaren" – und wurden dafür ebenfalls geehrt.

Foto: Princeton University

Eiscreme nach Chemotherapie

Außerdem wurde die Studie eines polnischen Teams ausgezeichnet. Die Gruppe wies nach, dass Eiscreme die Nebenwirkungen bei bestimmten Chemotherapien lindern kann.

Foto: Getty Images

Glück statt Talent

Eine Gruppe aus Italien – darunter zwei Ig-Nobel-Preis-Wiederholungstäter – wurde geehrt für die mathematische Erklärung dafür, warum meist nicht die talentiertesten Menschen, sondern die mit dem meisten Glück Erfolg haben.

Foto: APA/EPA/AKINTUNDE AKINLEYE

Klatsch und Tratsch

Und Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus China, Ungarn, Kanada, den Niederlanden, Großbritannien, Italien, Australien, der Schweiz und den USA entwickelten einen ebenfalls ausgezeichneten Algorithmus, der den Verbreitern von Klatsch und Tratsch dabei helfen soll zu entscheiden, wann sie die Wahrheit sagen und wann sie lügen. (tberg, red, 16.9.2022)

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