High Five! Doch für viele klappt Netzwerken aus verschiedenen Gründen nicht.

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Verhaberung. Dieses Wort stand in den vergangenen Wochen hoch im Kurs. Der Grund ist bekannt, Stichwort Chats. Erst die zwischen dem früheren Öbag-Vorstand Thomas Schmid und Politikern. Und seit wenigen Wochen auch noch die, die von einer zweifelhafte Nähe zwischen Chefredakteuren und Politik zeugen.

Haberer, das sind Männer – wobei es Haberinnen in diesem hier besprochenen Sinn zwar auch gibt, allerdings sind die klar in der Minderheit. Nicht weil sie qua Geschlecht die besseren Menschen sind. Wobei: Da fällt einer unweigerlich Thomas Schmids Mama ein, die ihm laut Aussage des Sohnemanns mit dem Satz "So haben wir dich nicht erzogen" ins Gewissen redete.

Trotzdem: Auch Frauen beackern ihre Karrieren in dem vorherrschenden System von Macht, Geld und Anerkennung und agieren somit nicht im luftleeren Raum. Auch wenn Frauen eher nicht, um es jetzt etwas überspitzt zu beschreiben, in holzvertäfelten Zimmern in Ledersofas lümmeln und sich mit einem Glas Whisky in der Hand gegenseitig Gefallen ankündigen und einfordern – Vernetzung wird ihnen dennoch ständig nahegelegt. Tun wir es den Männern doch gleich, heißt es oft, wenn es um bessere berufliche Chancen für Frauen geht. Die rufen sich doch auch gegenseitig an, nutzen informelle Netzwerke und helfen einander, wo sie nur können.

Überbordende Selbstsicherheit

Nun, spätestens in diesen Zeiten sollte die falsche Richtung, in die auch grundsätzlich gutgemeinte Karrierenetzwerke gehen können, ins Bewusstsein dringen. So haben auch die Women-only-Businessnetzwerke ihre Tücken – und tragen oft nicht zu einer weitreichenden Chancengerechtigkeit bei, sondern verbessern nur die Chancen einiger weniger. Da wäre zum Beispiel dieses unbändige Selbstbewusstsein, dessen Zeug:innen wir in den Chats werden mussten.

Zumindest in Ansätzen ist dieses Selbstbewusstsein beim Vernetzen nötig – und hier verschafft der soziale Hintergrund Menschen Vorteile oder Nachteile. Menschen aus einem Umfeld, in dem etwa Maturieren nicht selbstverständlich ist, berichten oft von dem Gefühl, nicht genug zu können und nur aus Glück in gute berufliche Positionen gekommen zu sein. Das ist ganz schlecht für das selbstbewusste Auftreten und somit für die Selbstvermarktung, ohne die Vernetzung im Grunde sinnlos ist.

Frauen fehlt dieses Selbstbewusstsein auch oft, denn von Kindesbeinen an, werden ihnen oft weniger Kompetenzen in Bereichen zugeschrieben, die später in der Jobwelt viel Anerkennung bekommen – von analytischem Denken bis hin zum Umgang mit Zahlen. Frauen aus einem weniger privilegierten sozialen Milieu haben es somit doppelt schwer. Sicher gibt es auch positive Beispiele von Netzwerken, die all das versuchen zu berücksichtigen und möglichst niederschwellig sind.

Kennst du jemanden für den Job?

Trotzdem ist es häufig so: Wem kein selbstsicherer Habitus angediehen ist, der verliert schon mal bei der Netzwerkerei – völlig unabhängig von der Kompetenz. Und seien wir uns ehrlich: Wie viele Jobs werden heute nicht mehr via Anzeige vergeben, sondern es wird schlicht gefragt: Kennst du jemanden? Auf diese Art werden insbesondere für gutbezahlte Jobs mit viel gesellschaftlicher Anerkennung oft Mitarbeiter:innen gesucht.

Hinzu kommt, dass man für all die informelle Arbeit an der Karriere die Zeit haben muss. Warum sie verhaberte Männer haben, liegt auf der Hand: Sie gehen seltener früh heim zu den Kindern – die Frau kümmert sich. Gut, auch Frauen können Babysitter haben, wenn sie es sich leisten können. Womit wir beim nächsten Ausschluss wären, den viele Netzwerke produzieren: Sie sind für Frauen da, die entweder Partner oder Babysitterin zu Hause haben, wenn sie sich spontan entscheiden, mit Menschen aus dem Meeting noch eine längere informelle Einheit dranzuhängen, die bis spät in den Abend hineinreicht. Alle anderen haben nicht die Zeit und viele schlicht auch nicht das Geld fürs Auslagern der Sorgearbeit.

Und auch was durch die gewonnenen Kontakte karrieretechnisch und letztlich finanziell herausspringt, bleibt offen. Es ist – für Frauen – wieder einmal Gratisarbeit, und von der machen sie ohnehin schon mehr als Männer. Netzwerken geht sich für viele als zusätzliche Gratisarbeit einfach nicht aus.

Auch das vielgelobte weibliche Vernetzen hat also mit Chancengleichheit und damit, dass vorrangig die Kompetenz zählt, kaum etwas zu tun. Also nein, es wie die Männer zu machen ist sicher nicht die richtige Antwort. (Beate Hausbichler, 18.11.2022)