Kinder bei einem Brunnen
Suche nach Abkühlung im August in Frankreich.
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Reading/Bonn – Das Jahr 2023 dürfte nach Einschätzung von Experten das global wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen werden. Das laufende Jahr sei auf dem Kurs, die Werte des bisherigen Rekordjahrs 2016 zu übertreffen, teilte der EU-Klimawandeldienst Copernicus am Donnerstag mit. Ein globales Rekordjahr sei "schon jetzt quasi sicher", sagt Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK).

Schon seit etwa einem halben Jahr werde ununterbrochen eine rekordhohe Durchschnittstemperatur der Erdoberfläche registriert, erklärte Gerten der dpa. Sie liege zudem nicht nur minimal, sondern recht deutlich – um mehrere Zehntelgrad – über den bisherigen Rekorden der betreffenden Monate. "Damit befinden wird uns zumindest im Moment sehr nah an einer mittleren Erderwärmung von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Wert."

Gemäß dem Pariser Klimaabkommen sollte es unbedingt vermieden werden, diese Marke längerfristig zu überschreiten. Bisher lagen die durchschnittlichen Temperaturen 2023 nach den Copernicus-Daten um 1,4 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Im September waren es demnach sogar 1,75 Grad mehr als im vorindustriellen Referenzzeitraum von 1850 bis 1900.

Rekordseptember

Nach vorläufigen Daten der US-Plattform Climate Reanalyzer liegt die Oberflächentemperatur der Meere im globalen Mittel bereits seit April anhaltend deutlich über den bisherigen Höchstwerten für den jeweiligen Tag. Auch die Kurve für die Lufttemperatur zeigt erschreckende Extreme: So war im September wie auch schon im Juli jeder Tag ein Höchstwerttag für das jeweilige Datum in den rund 40 Jahren der Aufzeichnungen.

Auch der Klimamodellierer Helge Gößling vom deutschen Alfred-Wegener-Institut (AWI) hält es "für fast sicher", dass 2023 global gemittelt das bisher wärmste Jahr sein wird. Die hohen Temperaturen insbesondere seit März seien sehr außergewöhnlich, sie stächen erstaunlich weit aus allen vorherigen Jahren seit Beginn der Messungen heraus. Die langfristige Erwärmung komme hierbei kombiniert mit natürlichen regionalen Schwankungen zum Tragen.

El Niño

Derzeit gewinne das natürliche Klimaphänomen El Niño an Einfluss, erklärte Gerten. Der maximale Effekt dürfte sich demnach ab kommenden Winter und Frühjahr einstellen. Mit wieder merklich sinkenden Temperaturen sei aber auch danach nicht zwingend zu rechnen. Ein El Niño kann die im Zuge der Klimakrise ohnehin stetig steigenden Temperaturen zusätzlich in die Höhe treiben – das bisherige Rekordjahr 2016 zum Beispiel war ein El-Niño-Jahr. Gegenstück dazu ist das Phänomen La Niña, das die globale Durchschnittstemperatur drückt.

Die Abfolge von El Niños und La Niñas im tropischen Pazifik sei typischerweise der stärkste Treiber für zufällige Schwankungen der global gemittelten Temperatur, erklärte AWI-Forscher Gößling. "Es handelt sich schlicht um eine sehr große Fläche, die von dieser kräftigen Klimaschaukel betroffen ist."

Zumeist sei das zweite Jahr mit El-Niño-Bedingungen wärmer als das Jahr, in dem das Phänomen einsetze. So sei es etwa 1997/98 und 2015/16 gewesen. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass die außergewöhnliche Wärme von 2023 in den anderen Meeresregionen nächstes Jahr wieder ähnlich stark ausfallen wird. "Ich halte es daher für etwas wahrscheinlicher, dass 2023 erst mal den Rekord behalten wird, das ist jedoch recht spekulativ."

2023 wird normal

Klar sei aber auch, dass es nicht allzu lang bis zu einem noch wärmeren Jahr dauern werde – und in etwa zehn Jahren werde ein Jahr wie 2023 wohl eher als normal durchgehen. "Solange wir weiter große Mengen fossiler Brennstoffe verbrennen, werden immer höhere Hitzerekorde das neue Normal", so Gößling.

Ein durchschnittliches oder gar eher kühles Jahr, wie es sie im 20. Jahrhundert gab, sei in absehbarer Zeit nicht mehr zu erwarten, sagt PIK-Experte Gerten. Die Frage sei jeweils bloß noch, ob es ein abermaliges Rekordjahr werde oder es "nur" unter den fünf bis zehn wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn lande.

Beim Extremwetterkongress in Hamburg hatten Klimaexperten kürzlich verkündet, die Chance sei verpasst, mit relativ wenig Aufwand das Klimasystem zu stabilisieren. Der Klimawandel werde nun in großen Teilen ungebremst erfolgen. Nicht mehr abwendbare massive Veränderungen seien auf der Erde zu erwarten.

"Wir müssen uns damit abfinden, dass die 1,5-Grad-Grenze überschritten werden wird. Damit ist das Pariser Rahmenabkommen in diesem Punkt faktisch gescheitert", hatte Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, gesagt. "Das bedeutet auch, dass es nur noch mit enormen Anstrengungen möglich sein wird, die Erwärmung unter der Zwei-Grad-Grenze zu halten." Aktuell sei man eher auf dem Weg in eine Drei-Grad-Welt bis zum Ende des Jahrhunderts. (APA, 5.10.2023)