Papst Franziskus sprach nach dem Gottesdienst am Sonntag über den Missbrauch in der Kirche. Dabei fand er scharfe Worte, aber keine konkreten Schritte.

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In einer Grundsatzrede zum Abschluss des Treffens im Vatikan hat Papst Franziskus "absolute Entschlossenheit" bekräftigt. Mit ihr werde die Kirche darangehen, sich dem Phänomen des sexuellen Missbrauchs zu stellen und Täter in ihren Reihen zur Rechenschaft zu ziehen. Kein Missbrauch dürfe jemals wieder "vertuscht oder unterbewertet" werden, "so wie es in der Vergangenheit üblich war", betonte der Papst. Die Kirche werde keine Mühen scheuen, "alles Notwendige zu tun, um jeden, der solche Verbrechen begangen hat, der Justiz zu unterstellen". Den Opfern von Missbrauch sei dabei in jeder Hinsicht Vorrang einzuräumen und zu helfen.

Das Übel des Missbrauchs, das der Papst in seiner Rede mit Menschenopfern verglich, berühre das "Herzstück der kirchlichen Mission": den Kleinen das Evangelium zu verkünden und sie "vor den reißenden Wölfen zu schützen." Der Umstand, dass sexueller Missbrauch nicht auf die katholische Kirche beschränkt sei und ein "übergreifendes Problem" darstelle, schmälere nicht seine "Abscheulichkeit innerhalb der Kirche". Die Unmenschlichkeit dieses Phänomens werde in der Kirche noch schwerwiegender und skandalöser, weil es im Gegensatz zu ihrer moralischen Autorität stehe.

Keine bindenden Beschlüsse

Bloß: Konkrete Schritte, wie die versprochene Nulltoleranz gegen sexuellen Missbrauch umgesetzt werden soll, hat der Papst in seiner Rede kaum aufgezeigt – obwohl er solche zum Auftakt des Treffens noch selber angemahnt hatte. Während der viertägigen Konferenz gab es zwar viele Schuldeingeständnisse; es stehen viele Vorschläge im Raum. Doch bindende Beschlüsse konnten die insgesamt 190 Teilnehmer der Konferenz nicht fassen. Immerhin sei ein vorläufiges Praxishandbuch mit Fragen und Antworten zustandegebracht worden, erklärte der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, der für den Vatikan in Missbrauchsfällen ermittelt. "Die Bischöfe wollen wissen, was im Falle einer Anklage oder Anzeige zu tun ist."

Die Missbrauchskonferenz war ein bisher einmaliges Treffen in der jüngeren Kirchengeschichte. Papst Franziskus hatte sie im vergangenen Herbst einberufen – unter dem Eindruck von neuen Skandalen in Chile und den USA, die sich zu unzähligen bereits aufgedeckten Missbrauchstaten gesellten, die auf dem ganzen Globus schon früher aufgeflogen waren. Franziskus wusste, dass der flächendeckende, systematische Missbrauch und die Vertuschung der Verbrechen die Glaubwürdigkeit der von ihm geleiteten Kirche in ihren Grundfesten erschütterten – und sein eigenes Pontifikat mit dazu.

Anlaufstellen vorgeschlagen

Um dagegen vorzugehen, haben die Präsidenten der weltweit 114 Bischofskonferenzen, Vertreter der Ordensgemeinschaften, Kurienmitarbeiter und diverse Experten im Lauf der Konferenz zahlreiche Vorschläge auf den Tisch gelegt. Ein zentrales Anliegen der Teilnehmer war das Zuhören. Gefordert wurden aber auch konkrete Maßnahmen und Reformen in der Kirchenverwaltung und des Kirchenrechts. Ein Vorschlag betrifft die Schaffung leicht zugänglicher Anlaufstellen für Opfer in jeder Diözese, wo die Verbrechen gemeldet werden können. Diesem Organ, das von der lokalen kirchlichen Autorität unabhängig sein müsse, müssten neben Klerikern auch Laien angehören.

Der Präsident der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, forderte Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der kirchlichen Verwaltung sowie eine Reform der kanonischen Prozesse. "Die Kirche darf nicht unterhalb der QualitätsStandards der öffentlichen Rechtspflege arbeiten", betonte der Erzbischof von München und Freising am Samstag. Alles andere wäre "Willkür" und würde der Verbreitung von Verschwörungstheorien Vorschub leisten. Außerdem müssten gerichtliche Verfahren, soweit möglich, öffentlich gemacht werden – ebenso wie Fallzahlen und gegebenenfalls Einzelheiten zu Fällen.

Kooperation mit staatlicher Justiz

Der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, der in der Glaubenskongregation für die Strafverfolgung von sexuellem Missbrauch verantwortlich ist, wagte sich an ein anderes Tabu: Er forderte die Bischöfe auf, "gewissenhaft und im Geist der Kooperation" den zuständigen staatlichen Behörden die ihnen zur Kenntnis kommenden Missbrauchsfälle anzuzeigen. Genau dies wird heute in vielen Diözesen noch unterlassen. Mehr noch: Oft mauern die Bischöfe oder auch die vatikanischen Behörden, wenn sie von der zivilen Justiz um Akteneinsicht gebeten werden.

Entscheidend sei nun, wie die Vorschläge und Forderungen konkret umgesetzt würden, betonte Marx. "Eine solche Konferenz ist kein Endpunkt, nur weil wir keine Beschlüsse gefasst haben. Aber was sind die Folgen? Nun, es geht weiter", erklärte der deutsche Kardinal. Marx bezeichnete das Treffen als "guten Schritt nach vorne". Für den Präsidenten der deutschen Bischöfe ist die Missbrauchskonferenz ein Testfall für die Kirche: Marx fände es "nicht gut, wenn der Vatikan in fünf Jahren wieder eine solche Konferenz austragen müsste".

Enttäuschte Opfer

Opfervertreter zeigten sich enttäuscht über den Ausgang der Konferenz. "Die Rede des Papstes ist der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen", twitterte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch. Die Spitze des Vatikans weigere sich, klare Richtlinien und Vorgaben für die Weltkirche zu machen.

Während der Konferenz hat die nigerianische Ordensschwester Veronica Openibo gesagt: "Wir müssen uns eingestehen, dass uns unsere Mittelmäßigkeit, Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit an diesen schändlichen und skandalösen Punkt geführt haben." Und warnte: "Zu oft wollen wir ruhig bleiben, bis der Sturm vorüberzieht. Aber dieser Sturm wird nicht vorüberziehen." (Dominik Straub, 25.2.2019)