Frauen fällt die Pensionsreform aus dem Jahr 2003 auf den Kopf, so Gewerkschafterin und Buchautorin Veronika Bohrn Mena im Gastkommentar.

Heute, hier und jetzt in Österreich, im Jahr 2019, haben Frauen immer noch Angst davor, im Alter in Armut leben zu müssen. Zu Recht, denn Altersarmut ist in Österreich weiblich. 2018 galt fast ein Viertel der alleinlebenden über 65-jährigen Frauen in Österreich als erheblich materiell benachteiligt. Sie konnten demnach teilweise ihre Wohnung im Winter nicht warmhalten, ihre regelmäßigen Rechnungen nicht begleichen, unerwartete Reparaturen nicht bezahlen oder sich schlicht keinen Fernseher, keine Waschmaschine oder kein Mobiltelefon leisten.

Kein Wunder, denn während Männer im Dezember 2018 eine durchschnittliche Pension von 1639 Euro bezogen haben, lag die durchschnittliche Pension der Frauen nur bei 918 Euro pro Monat. Noch schlechter fiel ihre Medianpension aus: 870 Euro pro Monat. Die Tatsache, dass die Hälfte aller Frauen eine noch kleinere Pension als diese 870 Euro pro Monat erhalten hat, ist erschütternd. Dass Frauen ganze 43 Prozent weniger Pension bekommen als Männer, ist ein unerträglicher Zustand.

Will man diesen Zustand ändern und Frauen ein selbstbestimmtes Altern in Würde und Sicherheit – statt in Angst und Not – ermöglichen, müssen vor allem zwei Faktoren berücksichtigt werden: Zeit und Geld.

Wie die Rechnungen zahlen? Der Gender-Gap ist bei Pensionen besonders ausgeprägt.
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"Verlorene" Pensionsjahre

Jedes Jahr, in dem nicht in die Pensionsversicherung eingezahlt werden kann, kostet Geld – das gilt auch für jede Babypause. Wegen dieser für das Pensionssystem "verlorenen" Jahre liegt die Zahl der durchschnittlichen Beitragsjahre der neu zuerkannten Alterspensionen bei Frauen im Schnitt zehn Jahre unter der von Männern. Eine Erwerbslücke von einem Jahr reduziert die spätere Monatspension um rund 2,8 Prozent. Auch eine einjährige Erwerbslücke, die durch die Kindererziehungszeiten "gedeckt" ist, führt immer noch zu einer reduzierten Monatspension im Ausmaß von rund ein bis zwei Prozent pro Jahr. Und weil (Klein-)Kinder nach der Karenz und auch sonst von ihren Eltern immer noch betreut werden wollen und müssen, wächst das Pensionsminus mit der folgenden Teilzeitarbeit weiter mit.

Von den rund 1,88 Millionen erwerbstätigen Frauen in Österreich haben knapp 500.000 Kinder unter 15 Jahren. Der mit 77 Prozent überwiegende Teil dieser erwerbstätigen betreuungspflichtigen Frauen arbeitet in Teilzeit, und nur rund 23 Prozent arbeiten in Vollzeit. Dementsprechend haben diese Frauen auch nur ein Teilzeitgehalt. Aber selbst wenn Frauen keine Kinder haben, arbeiten sie wesentlich öfter in atypischen und schlecht bezahlten Jobs als Männer. Und selbst wenn sie Vollzeit, mit der gleichen Qualifikation, in derselben Branche, im gleichen Beruf arbeiten, werden Frauen auch heute noch diskriminiert und schlechter bezahlt als ihre Kollegen.

Problem Teilzeitarbeit

Deswegen fällt auch gerade Frauen und Müttern die von der ersten schwarz-blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel im Jahr 2003 beschlossene Pensionsreform auf den Kopf. Wurden früher nur die besten 15 Jahre mit dem höchsten Einkommen zur Bemessung herangezogen, werden seither alle Erwerbsjahre zum Durchrechnungszeitraum hinzugezählt. Im Vergleich zum alten Pensionssystem machen die Verluste für Frauen bis zu einem Viertel ihrer gesamten Pension aus. Bei unserem heutigen Pensionssystem und dem Arbeitsmarkt mit den viel zu langen Arbeitszeiten werden Frauen also aktiv benachteiligt.

Traditionelle Rollenbilder

Die übertrieben langen Arbeitszeiten und Einkommensunterschiede zementieren die traditionelle Rollenverteilung weiter ein. Denn Paare entscheiden in der Regel, dass der Elternteil mit dem niedrigeren Einkommen mehr von der unbezahlten Familienarbeit übernimmt, um den gemeinsamen Einkommensverlust geringer zu halten.

So können Frauen sich eigentlich nur zwischen erheblichen Pensionseinbußen oder Kinderlosigkeit entscheiden. Der Vorstoß von Alois Stöger, die schwarz-blaue Pensionsreform wieder zu kippen, ist also nicht nur sinnvoll, er ist dringend notwendig.(Veronika Bohrn Mena, 24.7.2019)