Die Meldung trägt die Nummer 3051 und langte am 2. Juli 2015 im elektronischen Hinweisgeber-Postfach der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) ein. Ein anonymer Whistleblower meldete sich, um mit Angaben zur Commerzialbank Mattersburg "sicherzustellen, dass der Millionenbetrug dort nachvollzogen werden kann". Das schrieb er unter Hinweis auf die laufende Vor-Ort-Prüfung durch ein Nationalbank-Team, dem er offenbar auf die Sprünge helfen wollte.

Das gelang ihm nicht. Die Prüfer fanden das Angezeigte nicht, die Justiz leitete kein Verfahren ein, die von Bankchef Martin Pucher und seiner Vorstandskollegin K. inzwischen gestandenen Malversationen gingen weiter. Bis das Kartenhaus vor rund sechs Wochen einstürzte. Mit dessen Bau hatte man laut Aussage von K. bereits "Ende der 1980er- oder Anfang der 1990er-Jahre begonnen", als das von Pucher geführte Schattendorfer Institut noch zu Raiffeisen gehörte.

Bereicherung bestritten

Die Tipps des Whistleblowers erschließen sich aus einem Behördenprotokoll, das dem STANDARD vorliegt. Pucher schaffe seit Jahren Millionen zur Seite, die er für Schwarzgeldgeschäfte und -zahlungen sowie zu seiner persönlichen Bereicherung verwende, heißt es in der Originalmeldung. Puchers Anwalt, Norbert Wess, betont dagegen, Pucher und seine Familie hätten sich nicht bereichert. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Pucher schaffe Millionen zur Seite, seit Jahren, so der Hinweisgeber.
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Pucher, so der Hinweisgeber, habe "falsche Konten angelegt", die auf die Namen wohlhabender physischer Personen lauteten, die aber keine Ahnung von der Eröffnung "ihrer" Konten hätten und auch nicht wüssten, dass die "heillos mit sechs- oder siebenstelligen Beträgen überzogen" seien. Zwei Merkmale hätten diese Konten: Die Familiennamen seien in Großbuchstaben geschrieben, die Kontonummer beginne mit 58. Einige Mitarbeiter wie Frau K. wüssten von alledem, "wenn Sie es sich leicht machen wollen, diese Konten zu finden", möge man die Banker S. und B. fragen. Ersterer habe Kopien, Zweiterer profitiere durch Zahlungen "aus diesem Topf" selbst.

Am nächsten Tag fragte der Hinweis-Sachbearbeiter nach: etwa ob der Whistleblower Namen zu den falschen Konten kenne oder was mit jenen mehreren 100.000 Euro geschehe, die sich der Vorstandsvorsitzende laut Hinweisgeber von einem Schalterbeamten ein paar Mal pro Monat ins Büro schicken lasse und wie Pucher das erkläre.

Mit Namen konnte der Hinweisgeber nicht dienen, erklärte aber, dass auf die Fake-Konten zunächst kleine Summen eingezahlt würden, "damit die Vorgänge normal wirken", danach werde immer mehr abgehoben. Den Schaden schätze er auf fünf bis zehn Millionen Euro. Und: "Herr Pucher braucht keinen Vorwand, um sich dieses Geld schicken zu lassen. Er ist der Chef, und in der Bank wird das gemacht, was er sagt – bedingungslos." Der Staatsanwalt fragte nach. Ob die überzogenen Konten nicht bei "internen Überprüfungen" aufgefallen seien? Am 4. Juli bekam er die Antwort, dass es Pucher offenbar verstanden habe, die Innenrevision "irgendwie zu umgehen", sodass die Konten nicht weiter aufgefallen seien. Die Prüfer der OeNB mögen doch bei den "Kontoinhabern" eruieren, ob sie von ihrem Commerzialbank-Konto wüssten, riet der Whistleblower. Mit den Worten "Ich würde Ihnen gerne mehr berichten, aber das ist so weit alles von meiner Seite" beendete er seine Mail-Konversation mit der WKStA.

OeNB hielt Schaden für unplausibel

Was in der Folge geschah: Die WKStA ersuchte die FMA am 7. Juli 2015 um Amtshilfe. Die instruierte die Vor-Ort-Prüfer aus der OeNB, die die gut versteckten Fake-Konten aber nicht fanden. Sie kamen zum Schluss, dass eine derartige Malversation "schier denkunmöglich" und der Schaden unplausibel hoch sei und in so einem kleinen Institut schon früher hätte auffallen müssen.

Kann nicht sein, so lautete in etwa der Schluss, de die Vor-Ort-Prüfer aus der OeNB zogen.
Foto: Martin Juen / SEPA.Media / picturedesk

Am 14. Jänner 2016 teilte die FMA der WKStA also mit, "dass im Rahmen der Vor-Ort-Prüfung (…) der in der Whistleblower-Meldung erhobene Vorwurf gegen die Bank nicht bestätigt werden konnte". Fazit: Die WKStA leitete mangels Anfangsverdacht kein Verfahren ein. Auch ein Nebenstrang zu von der Bank selbst finanziertem Eigenkapital verlief im Sande. Dazu erstattete die FMA Ende 2015 zwar Anzeige bei der StA Eisenstadt, die nahm aber keine Ermittlungen auf.

"Das Böse ist immer und überall"

Fünf Jahre konnten Pucher und K. weitermachen mit ihren erfundenen Kunden und Guthaben, bis heuer wieder eine Whistleblower-Meldung eintraf, diesmal eine mit vielen Details und Fotos von Kreditakten. Auch sie platzte in eine Vor-Ort-Prüfung. Die Fake-Konten konnten die Prüfer aus der OeNB zwar auch diesmal nicht finden, aber sie stolperten über seltsame Zinsen. Als sie Pucher damit konfrontierten, fiel der um – und packte aus.

Die OeNB, die das Institut 2015, 2017 und 2020 unter die Lupe genommen hat, gab bisher keine offizielle Stellungnahme ab. Zur "Kronen Zeitung" sagte OeNB-Gouverneur Robert Holzmann am Samstag, in der Commerzialbank sei seit 30 Jahren ein kriminelles "internes Pyramidenspiel" gelaufen. Und er meinte: "Das Böse ist immer und überall." Womit der Notenbank-Chef eine Textzeile der Band Erste Allgemeine Verunsicherung zitierte – aus deren Song "Ba-Ba-Banküberfall". (Renate Graber, 24.8.2020)