Im Gastkommentar widmet sich die Autorin und Regisseurin Ute Liepold anlässlich 100 Jahre Kärntner Volksabstimmung der Rolle der Frauen.

Die Volkskultur perpetuiert versteinerte Rollenbilder.
Foto: Picturedesk / Martin Siepmann

Das Land Kärnten hinkt national und international in der Entwicklung der Geschlechtergerechtigkeit hinterher. Aufgrund der ländlichen Struktur des Landes und der nachdrücklichen Beförderung traditioneller Geschlechterklischees durch die Volkskultur, die noch immer eine große Rolle spielen, fällt es in Kärnten schwerer als in den urbanen Zentren, sich mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Diversität anzufreunden. In den Kärntnerliedern wird noch immer vom Diandle und vom Buabm gesungen, und auch der leicht anzügliche Tonfall, der gerne von Männern gegenüber Frauen angeschlagen wurde, ist noch immer gegenwärtig. Das hat vielleicht auch mit dem Einfluss des Tourismus zu tun, der auf Event gebürstet wurde und bei dem es im Rahmen von Fête Blanche oder auf dem Motorboot noch immer um den "lässigen" Aufriss geht, für den die Kärntner Männer angeblich einmal berüchtigt gewesen sein sollen.

Weibliche Abwanderung

Ein Hauptproblem des Landes ist die Landflucht. Die Landbevölkerung zieht es in die Städte Klagenfurt und Villach, was viel mit den Lebensmöglichkeiten von Frauen zu tun hat – von Kinderbetreuungsplätzen über ein besseres Jobangebot bis hin zur Flucht vor dörflicher sozialer Kontrolle. Dazu kommt das große Problem des Brain Drains: Talentierte junge Menschen gehen zum Studium nach Graz, Wien oder ins Ausland und bleiben auch dort. Abwanderung ist weiblich. Die Ursachen dafür sind eng mit der Landesgeschichte der letzten 100 Jahre verbunden, die geprägt ist von Brauchtumsriten und Männlichkeitskult rund um den zum Mythos stilisierten Abwehrkampf, der lange den demokratischen Vorgang der Volksabstimmung von 1920 überstrahlte.

Der Abwehrkampf – oder Kampf um die Nordgrenze, wie es von jugoslawischer Seite hieß – wurde zu einem Instrument nationaler und ethnischer Selbstbehauptung gemacht, die letztendlich immer auf eine Selbstbehauptung von Männlichkeit hinausläuft.

Mythos Abwehrkampf

Am 10. Oktober 1920 votierten 59 Prozent der Bevölkerung für einen Verbleib von Südkärnten bei Österreich. Dieses Ergebnis konnte nur zustande kommen, weil sich rund die Hälfte der slowenischsprachigen Bevölkerung für die junge demokratische Republik Österreich und gegen die jugoslawische SHS-Monarchie entschieden hatte. Mit einer konsequent zweisprachigen Propaganda überzeugte man die slowenischsprachige Bevölkerung für einen Verbleib bei Österreich. Eine wichtige Zielgruppe in dieser PR-Schlacht der Jahre 1919 und 1920 waren die Frauen beider Sprachgemeinschaften. Infolge der Einführung des allgemeinen Wahlrechts gingen die Frauen in Kärnten anlässlich der Volksabstimmung zum ersten Mal zu einer Wahlurne.

Frauen waren eine wichtige Zielgruppe in der PR-Schlacht der Jahre 1919 und 1920. Bald danach waren ihre Rechte wieder vergessen.

Während das Frauenwahlrecht in Jugoslawien noch bis 1945 auf sich warten ließ, zielten die Argumente der proösterreichischen Seite direkt auf die weibliche Wählerschaft, die bis dato von allen politischen Aktivitäten und der Beteiligung am Vereinsleben ausgeschlossen war. Die Kärntner Landsmannschaft warnte vor den slawischen Männern und deren barbarischen Sitten und hob im Gegenzug dazu die Qualitäten einer deutschen Kultur hervor. Bald schon wurden alle Verheißungen eines modernen und selbstbestimmten Lebens in der jungen Republik Österreich konterkariert: Kärnten stilisierte den Abwehrkampf rückwirkend zum Mythos und definierte den 10. Oktober zu einem Festtag der männlichen Veteranen und des militanten Deutschtums um. Bald waren nicht nur die Rechte der slowenischsprachigen Menschen, sondern auch die Rechte der Frauen wieder vergessen.

Männliche Heimattümelei

Viele Jahrzehnte dominierte in Kärnten eine männlich konnotierte Heimattümelei, die Frauen in das Korsett von Dirndlkleid und Brauchtumspflege zwängte und die Männer im braun-grünen Kärntneranzug, der inoffiziellen Uniform des Landes, aufmarschieren ließ. Die Umzüge zu den Landesfeierlichkeiten und die Volkskultur trugen Männlichkeitskult und versteinerte Rollenbilder in die Täler, und wem das nicht passen wollte, dem wurde empfohlen, "über die Karawanken hinunter" nach Jugoslawien zu verschwinden.

Vor diesem ideologischen Hintergrund konnte Kärnten in der Ära Haider zu einem Labor für Rechtspopulismus und behaupteter heterosexueller Trachtenpärchenidylle werden. Heute bemüht sich das offizielle Kärnten glaubwürdig um einen versöhnlichen Dialog zwischen den Volksgruppen. Im Südkärntner Raum kämpften bereits vor hundert Jahren Frauen wie Angela Piskernik (1886–1967) aus Eisenkappel /Železna Kapla, die erste Kärntnerin, die 1914 in Naturwissenschaften promovierte, und die Lyrikerin Milka Hartmann (1902–1997) aus Unterloibach / Spodnje Libuče für die Rechte der Frauen. Bei genauerer Betrachtung der aktuellen Situation der Frauen im politischen, privaten und öffentlichen Leben ist bis heute der Status einer Geschlechtergerechtigkeit längst nicht erreicht und bleibt politische Aufgabe für die nächsten hundert Jahre. (Ute Liepold, 12.10.2020)