Wien ist die aktuell lebenswerteste Stadt für Expats, also Menschen, die für den Job aus dem Ausland nach Wien gezogen sind. Das hat viele Gründe, beispielsweise gehört die niedrige Kriminalitätsrate dazu sowie das gut ausgebaute öffentliche Verkehrsnetz und die medizinische Versorgung.

Das war natürlich nicht immer so. Aber wussten Sie, dass Diplomaten des Osmanischen Reiches, die nach Wien geschickt wurden, im 17. Jahrhundert über den unerträglichen Gestank in der Stadt entsetzt waren – und ihre sofortige Versetzung anforderten? Wir auch nicht.

Was sagt die Wohnsituation über den Zustand einer Gesellschaft aus? Diese Frage stellt sich der Wohnbauforscher Wolfgang Förster in seinem neuen Buch 2000 Jahre Wohnen in Wien und durchreist, wie der Name schon sagt, die österreichische Hauptstadt in ihren zahllosen Epochen – und fokussiert dabei besonders auf den Aspekt des Wohnens. Seine Route reicht von der keltisch-illyrischen Besiedlung über die barocke Residenzstadt bis zum heutigen "Roten Wien".

Kupferstich von Wien von 1776: Blick von der Leopoldstadt über den Donaukanal auf die nördliche Partie des Zentrums.
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Mietwohnungen im Kloster

Eine Ansiedlung an einem Fluss wie der Donau war natürlich nur eine Frage der Zeit. Die ältesten archäologischen Funde lassen eine Besiedlung schon vor 5000 Jahren erkennen. Dabei wurden anfangs noch die Höhlen des Wienerwaldes für Unterschlupf genutzt, später waren es einfache Holzhütten, bevorzugt auf leichten Anhöhen errichtet.

Den Namen der später dort ansässigen keltischen Siedlung – Vindobona, was so viel wie "weißes Dorf" oder "weißer Fluss" heißt – übernahmen die Römer im ersten Jahrhundert nach Christus gleich für ihr Militärlager. Was das Wohnen betrifft, gab es dort viele verschiedene Varianten, die davon abhingen, welchem Stand man angehörte. So gab es unter anderem Tribunenhäuser mit bis zu 3500 Quadratmeter Fläche, weitaus üblicher war aber das Wohnen in einer der Kasernen, in der sich acht Soldaten eine Wohnfläche von 25 bis 40 Quadratmetern teilten. Trotzdem: Alle Wohnbauten verfügten damals schon über fließendes Wasser, Abwasserkanäle und eine spezielle Art der Fußboden- und Wandheizung, Hypokaustenheizung genannt, die typisch war für römische Lager. Hier herrschte also ein Hygiene- und Komfortstand, der, wie wir ja bereits erfahren haben, erst viele Jahrhunderte später wieder erreicht werden sollte.

Wolfgang Förster, "2000 Jahre Wohnen in Wien". € 32,– / 188 Seiten. Jovis-Verlag, Berlin 2020

Auch in Zeiten der barocken Residenzstadt konnte das Problem der fehlenden Hygiene noch nicht behoben werden. Mittlerweile lebten innerhalb der Stadtmauern, die ungefähr den Grundriss des heutigen ersten Bezirks widerspiegeln, rund 100.000 Menschen. Sogar die Klöster wurden aufgefordert, ihre innerstädtischen Gebäude zu Mietwohnungen umzufunktionieren. Um das akute Wohnungsproblem zu lösen, befahl Kaiser Leopold 1670 die Auflösung des Judenviertels Im Werd. In der Folge wurde diese Vorstadt in Leopoldstadt umbenannt – bis heute der Name des zweiten Gemeindebezirks.

Mit dieser Detailverliebtheit gräbt sich Förster durch alle möglichen Epochen der Wiener Wohnbaugeschichte. Das ist alles mit zahlreichen interessanten Abbildungen (Fotos, Karten, Zeichnungen) hinterlegt, die neben den guten Beschreibungen auch etwas fürs Auge bieten. In dem Format und der Qualität macht es sich gut als Coffeetable-Buch – das man ausnahmsweise auch einmal gelesen hat. (Thorben Pollerhof, 26.10.2020)