Nacktmulle sind ungewöhnliche Nagetiere – und das liegt nicht nur am recht speziellen Aussehen der nur mit feinem Haarflaum bedeckten, fast blinden kleinen Säuger. Sie empfinden keine Schmerzen, besitzen so etwas wie einen zelleigenen Krebsschutz und werden für Säugetiere ihrer Größe (ihre Körperlänge beträgt fünf bis 15 Zentimeter) ungewöhnlich alt: Mit einer Lebenserwartung von über 20 Jahren übertreffen sie andere Nagetiere deutlich.

Nacktmulle sind eusozial, sie leben in streng hierarchischen Kolonien von bis zu 300 Tieren.
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Zudem trinken Nacktmulle nie, sondern nehmen Wasser ausschließlich über ihre Nahrung auf, und kommen mit erstaunlich wenig Sauerstoff aus. Für die medizinische Forschung sind viele der außergewöhnlichen Nacktmull-Fähigkeiten von großem Interesse. Wissenschafter interessieren sich aber auch für das Sozialverhalten der Nacktmulle. Die in Ostafrika verbreiteten Tiere verbringen den größten Teil ihres Lebens in kilometerlangen unterirdischen Gängen. Dort leben sie ähnlich organisiert wie Insektenstaaten in Kolonien von bis zu 300 Tieren, die von einem einzigen fruchtbaren Weibchen dominiert werden: der Nacktmull-Königin.

Aggressiver Expansionismus

Die Königin bringt etwa alle zehn Wochen Junge zur Welt – ein Wurf umfasst mehr als 20 Nachkommen. Den Expansionsbestrebungen mancher Nacktmull-Gemeinschaften ist das aber offenbar nicht genug: Ein US-amerikanisches Forscherteam hat erstmals Nacktmulle in freier Wildbahn beobachtet, die andere Kolonien überfallen – und deren Junge rauben.

Die Nagetiere leben in unterirdischen Bauten mit oft kilometerlangen Gängen.
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Im Rahmen der Studie, die im "Journal of Zoology" veröffentlicht wurde, untersuchten die Wissenschafter um Stan Braude von der Washington University in St. Louis, Missouri, das Verhalten von Nacktmullen in Kenia. Dafür wurden einzelne Exemplare aus unterschiedlichen Kolonien eingefangen und markiert, um ihre Bewegungen nachvollziehen zu können. Dabei fiel dem Forscherteam auf, dass Jungtiere manchmal in rivalisierenden Kolonien auftauchten. Von Nacktmullen in Gefangenschaft waren schon zuvor Fälle von "Entführungen" bekannt. Also richteten Braude und Kollegen ihr Augenmerk auf das Konkurrenzverhalten benachbarter Gruppen.

Angriff der Übermacht

Das Ergebnis: Die Wissenschafter dokumentierten insgesamt 26 Nacktmull-Kolonien, die im Beobachtungszeitraum ihr Revier durch die Eroberung benachbarter Bauten erweiterten. Wie die Forscher schreiben, konnten sie keine direkten Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen beobachten. Es zeigte sich aber, dass die "Eroberung" in fast allen Fällen von einer deutlich größeren Kolonie ausging. Die angegriffene und zahlenmäßig unterlegene Gruppe zog sich offenbar kampflos in weiter entfernte Gänge ihres Baus zurück oder gab den Bau sogar ganz auf.

Robuster Nager: Heterocephalus glaber, der Nacktmull.
Foto: AP/Julie Larsen Maher

In mehreren Fällen stellte sich heraus, dass die siegreichen Angreifer Jungtiere ihrer vertriebenen Artgenossen in ihre Kolonie integriert hatten. Dort wuchsen die Tiere zu Arbeitern heran, deren einziger Lebensinhalt im Ausbau des Tunnelsystems und der Nahrungssuche für die Gemeinschaft besteht.

Die Studienautoren vermuten, dass solche "Entführungen" eine häufige Strategie angreifender Nacktmulle sein könnten: Aus Beobachtungen ist klar, dass größere Kolonien erfolgreicher sind als kleinere. Die Ergebnisse würden zeigen, dass zwischen Nacktmull-Gruppen eine enorme Konkurrenz besteht, die dieses ungewöhnliche Verhalten erklären könnte. (David Rennert, 4. 12. 2020)