Nach einiger Zeit kann das Leben mit einem Narzissten geradezu unerträglich werden.

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Narzissten können gerade beim Dating oder zum Beginn einer Beziehung überaus charmant und großzügig sein. Häufig überschütten sie ihren Partner geradezu mit Aufmerksamkeit und bauen schnell Luftschlösser einer gemeinsamen Zukunft. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen auf Narzissten einlassen, in einer Beziehung und damit auch in einer toxischen Abhängigkeit landen.

Für den STANDARD-Podcast "Beziehungsweise" spricht die Psychotherapeutin und Narzissmus-Expertin Katharina Schuldner darüber, wie man einen Narzissten bereits beim ersten Date entlarvt und wie Betroffene aus narzisstischen Beziehungen herauskommen. Hier das Interview zum Nachlesen:

STANDARD: Wie würden Sie einen Narzissten beschreiben?

Schuldner: Narzissten können sich nach außen sehr charismatisch geben. Sie zeigen sich von ihrer besten Seite. Gerade am Anfang einer Beziehung überschütten sie ihr Gegenüber mit Liebesbotschaften und Komplimenten. Das ist die sogenannte "Love Bombing"-Phase. Das bedeutet, dass Narzissten anfangs meist Personen sind, die man besonders beeindruckend findet.

STANDARD: Um das einordnen zu können und weil wir ihn alle kennen: Ist Donald Trump ein klassischer Narzisst?

Schuldner: Es gibt immer wieder Therapeuten, die ihm eine narzisstische Persönlichkeitsstörung attestieren. Das sind natürlich alles nur Ferndiagnosen, aber man kann durchaus ein paar narzisstische Tendenzen bei ihm erkennen.

STANDARD: Oft hat man den Eindruck, dass Narzissmus primär ein Problem der Männer ist. Gibt es tatsächlich mehr männliche als weibliche Narzissten?

Schuldner: Es gibt eine ziemlich umfangreiche Studie der University at Buffalo School of Management mit 475.000 Teilnehmern zu genau dem Thema. Da kam ganz klar heraus, dass Männer häufiger als Frauen betroffen sind – und zwar ganz unabhängig vom Alter. Es wurden aber auch Unterschiede zwischen Männern und Frauen untersucht. So sind etwa Männer der Meinung, sie hätten mehr Privilegien als Frauen und mehr Anspruch darauf, in einer Führungsposition zu sein, völlig ohne Skrupel auch andere auszunutzen, um selbst ihr Ziel zu erreichen. Wohingegen sowohl Männer wie auch Frauen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen gleich Ich-bezogen und gleich eitel sind.

STANDARD: Wie wird man überhaupt ein Narzisst? Wo liegt denn der Ursprung dieser Persönlichkeitsstörung?

Schuldner: Da gibt es unterschiedliche Ansätze in der Wissenschaft. Einerseits kann sie durch eine starke Vernachlässigung in der Kindheit entstehen und andererseits auch durch eine Überfürsorge und Verhätschelung. Ausschlaggebend ist in jedem Fall eine dysfunktionale Eltern-Kind-Beziehung. In beiden Fällen ist es so, dass die Kinder nicht in ihrem wahrem Selbst mit all ihren Bedürfnissen und Wünschen gesehen werden.

STANDARD: Ist Narzissmus auch vererbbar?

Schuldner: Es gibt auch eine gewisse genetische Disposition dafür, ja.

STANDARD: Gibt es auch narzisstische Eigenschaften, die wir alle haben?

Schuldner: Ein bisschen Lob und Anerkennung brauchen wir alle, darüber freut man sich auch. Problematisch wird es, wenn man ohne dieses Lob und die ständige Aufmerksamkeit gar nicht mehr leben kann. Es muss ein gesundes Maß sein. Was etwa nicht mehr normal ist, ist eine Überempfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik und Empathielosigkeit. Narzissten können sich meist nur auf einer kognitiven Ebene in andere hineinfühlen. Viele schaffen es nicht, sich für andere zu freuen oder Trauer nachzuempfinden.

STANDARD: Wenn Narzissten ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit sind, sind dann Instagram und Co förderlich für Narzissmus?

Schuldner: Natürlich. Wenn ich ein Foto poste, und ich bekomme viele Likes, dann ist das immer wieder eine narzisstische Zufuhr, immer diese Bestätigung und Bewunderung. Das kann natürlich auch zu einem Suchtverhalten werden. Zudem gibt es immer mehr Plattformen, um diesen Narzissmus nach außen zu tragen.

STANDARD: Gibt es denn auch so etwas wie gesunden Narzissmus?

Schuldner: Narzisstische Tendenzen per se sind nicht schlecht, sie können für einen gewissen Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen sorgen. Sich selbst in einer positiven Art und Weise zuzuwenden, sich zu fragen, welche Bedürfnisse man hat und wie man sie erfüllen kann, das ist ja auch gesund.

STANDARD: Wo ist jetzt der Unterschied zwischen Narzissmus und Egoismus?

Schuldner: Reinhard Haller, der renommierte Narzissmus-Experte, beschreibt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung durch die fünf großen "Es": 1. Empathielosigkeit, 2. Egoismus, 3. Eigensucht, 4. Empfindlichkeit, 5. Entwertung. Diese fünf Eigenschaften sind bei einem Egoisten nicht so stark ausgeprägt.

STANDARD: Kann die Beziehung mit einem Narzissten dennoch glücklich sein?

Schuldner: Anfangs vielleicht. In einer narzisstischen Beziehung wird aber oft Liebe mit Bewunderung verwechselt. Das hat wenig mit Liebe zu tun, sondern mehr mit Ersatzbefriedigung. Der Narzisst ist dabei der, der nimmt, und der Komplementär-Narzisst ist der, der gibt. Beide haben ein verletztes Selbstwertgefühl, und beide sind auf der Suche nach Bestätigung. In solchen Beziehung ist aber kein wirkliches Wir-Gefühl möglich, weil es keine Ausgewogenheit beim Geben und Nehmen gibt.

STANDARD: Das bedeutet, anfangs ist alles prima, doch wann kommt der Punkt, wo es in der Beziehung anfängt zu bröckeln?

Schuldner: Der Komplementär-Narzisst möchte nach einer Zeit nicht immer nur Geben und Bewundern, sondern möchte selbst etwas haben. Das ist meist der Zeitpunkt, wo die Beziehung kippt. Es wird also erstmals etwas vom Narzissten eingefordert, oder er wird kritisiert. Meist reagiert der Narzisst sehr empfindlich, es kommt erstmalig zu verbalen Entgleisungen und Entwertungen des Partners.

STANDARD: Bedeutet das, ein konstruktives Streitgespräch mit einem Narzissten ist gar nicht möglich?

Schuldner: Klienten beschreiben Streit mit Narzissten meist als "Wortsalat" oder "sich im Kreis drehen". Meist wissen Partner von Narzissten gar nicht mehr, was das eigentliche Thema war, sie bleiben nur verwirrt zurück.

STANDARD: Sind dann langjährige Beziehungen mit Narzissten überhaupt möglich, wenn es so schnell kippt?

Schuldner: Möglich ist es schon, viele leiden auch jahrelang. Allerdings wird die eigene Persönlichkeit immer instabiler und der Selbstwert immer geringer.

STANDARD: Gehen wir einmal zurück zum Beginn einer Beziehung. Zum ersten Date. Wie umgarnt ein Narzisst sein Gegenüber?

Schuldner: Er ist ein Meister der großen Gesten, der versucht, sich als etwas Einzigartiges darzustellen, ist charismatisch und überzeugend. Er lädt in ein teures Restaurant ein, schickt Blumen in die Arbeit oder überrascht gleich zu Beginn der Beziehung mit einem exklusiven Urlaub.

STANDARD: Das klingt zunächst ja nicht schlecht ...

Schuldner: Genau. Viele, die in meine Praxis kommen, sagen auch, dass sie endlich ihren Seelenpartner gefunden haben, dass der Sex außerordentlich gut ist und er ihnen jeden Wunsch von den Augen abliest. Hier findet meist auch ein "Future Faking" statt, das bedeutet, dass Narzissten schnell Pläne schmieden wie etwa eine Hochzeit, Kinder oder ein Haus. Was dann passiert, ist, dass nun das Gegenüber alles versucht, um dies auch zu erreichen. In der Hoffnung, dass all diese Wünsche in Erfüllung gehen.

STANDARD: Aber wie entlarvt man einen Narzissten schon beim ersten Date?

Schuldner: Vielleicht, indem man wirklich darauf achtet, ob er emotional mitschwingt, wenn man etwas erzählt. Die meisten Narzissten beziehen das Gesagte sofort auf sich und können emotional nicht mit dem Gegenüber mitfühlen.

STANDARD: Wie verhalten sich Narzissten gegenüber den eigenen Kindern?

Schuldner: Bei zwei Kindern gibt es oft das "goldene Kind" und den "Sündenbock". Alle positiven narzisstischen Anteile werden dann auf das goldene Kind übertragen, meist verwirklicht es die Wünsche und Träume der Eltern, lernt ein Musikinstrument, schreibt gute Noten, wird sehr sportlich. Der Sündenbock hingegen wird für alles verantwortlich gemacht, hat immer die Schuld und wird abgewertet. Aufgrund dieser zwei Rollen entsteht nicht selten eine starke Geschwisterrivalität.

STANDARD: Wäre dies eine Form von narzisstischem Missbrauch? Davon liest man viel, aber was heißt das konkret?

Schuldner: Von narzisstischem Missbrauch oder narzisstischer Gewalt spricht man immer dann, wenn eine emotionale Bindung zu einer Person ausgenutzt wird, um Macht und Kontrolle auszuüben – und die Person dadurch geschädigt wird oder leidet. Es gibt aber auch verschiedenen Manipulationstechniken, wie etwa das Gaslighting. Hier wird die Wahrnehmung von anderen Person gezielt manipuliert, um wieder Macht und Kontrolle gegenüber anderen ausüben zu können.

STANDARD: Klingt so, als ob Narzissten permanent lügen. Gehen sie demnach auch häufiger fremd?

Schuldner: Narzissten brauchen ganz dringend Bewunderung und Anerkennung im Außen. Und da sie diese nach einiger Zeit vom Partner nicht mehr so intensiv wie zu Beginn erhalten, suchen sie häufig die Abwechslung und den Kick woanders.

STANDARD: Es klingt schrecklich, und irgendwann will man von so einer Person wahrscheinlich ganz schnell weg, oder?

Schuldner: Der wesentliche Punkt, um aus solch einer Beziehung auszubrechen, ist zu erkennen, dass es sich hier wirklich um narzisstischen Missbrauch handelt. Den Narzissten dann wirklich zu verlassen ist oft ein langwieriger Prozess, denn eine narzisstische Beziehung baut auf einer gegenseitigen Abhängigkeit auf. Der zweite wesentliche Punkt ist dann die bewusste Entscheidung, dass man dies nicht mehr will.

STANDARD: Wie gehen Narzissten damit um, wenn man sie verlässt?

Schuldner: Es findet eine narzisstische Kränkung statt. Er wird also im ersten Schritt vielleicht versuchen, die Person zurückzuerobern, wieder mit großen Gesten, oder er setzt alle Mittel ein, um den anderen zu bestrafen und fertigzumachen. Aus der Praxis weiß ich, dass Narzissten wirklich zu grauslichen Mitteln greifen, um das Leben der anderen Person Stück für Stück zu zerstören. Einige Bespiele: Es werden Gerüchte im Freundeskreis gestreut oder innerhalb der Verwandtschaft Unruhe gestiftet, indem er intime Dinge weitererzählt. Andere gehen sogar so weit, dass sie in der Arbeit des Ex-Partners anrufen und die Person in Misskredit bringen.

STANDARD: Das ist wahrscheinlich ganz schlimm, wenn man gemeinsame Kinder hat ...

Schuldner: Viele versuchen die Kinder zu manipulieren und gegen den anderen Elternteil aufzuhetzen. Nicht selten gibt es dann ganz böse Sorgerechtsstreits, leider.

STANDARD: Sie haben eine spezielle Therapiemethode namens EDEN entwickelt, um Betroffenen zu helfen. Wie arbeiten Sie hier?

Schuldner: Ich habe in der Arbeit mit meinen Klienten erkannt, dass jeder Betroffene bestimmte Schritte durchläuft, um von einem narzisstischen Partner oder auch Elternteil wegzukommen. EDEN steht hier für die vier Schritte, die man durchläuft: 1. Erkennen, dass es sich hier wirklich um narzisstischen Missbrauch handelt und man die klare Entscheidung trifft, dass man seine Opferrolle ablegen und gezielt etwas an der Situation verändern will. 2. Demaskieren ist der eigentliche Therapieblock. Hier geht es darum, sich mit den eigenen Verhaltensweisen und Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, die einen in dieser Beziehung verharren lassen. 3. Entfalten bedeutet, dass ich mich wieder auf mich selbst besinne, auf mein physisches und psychisches Wohlbefinden. Durch den Missbrauch haben sich viele Betroffene ja Stück für Stück selbst verlassen, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse gar nicht mehr ernst genommen. 4. Neuordnen heißt, dass man sich auch überlegt, wie man den narzisstischen Missbrauch als Chance begreift. Hier stellt man sich die Frage, wie man sein Leben neu ordnen und frei von narzisstischem Missbrauch leben kann.

STANDARD: Können sich denn Narzissten auch ändern und ihre Persönlichkeitsstörung ausheilen?

Schuldner: Narzissten leiden oft gar nicht so, wie es Betroffene von narzisstischem Missbrauch tun. Es gibt aber natürlich Narzissten, die sich ändern wollen, wenn sie zum Beispiel einen Job oder eine Familie verlieren. Therapien mit Narzissten sind dann leider oft sehr langwierig, sie dauern meist mindestens zwei bis drei Jahre. Es gibt auch spezifische Therapien, aber keine empirische Evidenz dafür, ob diese Therapien auch wirklich wirksam sind. Wenn Empathie grundsätzlich nicht vorhanden ist, kann ich sie auch nicht trainieren. Für Therapeuten ist die Arbeit mit Narzissten deswegen besonders herausfordernd. Ich muss in der Praxis versuchen, den Klienten mit seinen narzisstischen Verhaltensweisen zu konfrontieren, ohne dass ich dabei die Beziehung zwischen uns gefährde. Hier kann es schnell passieren, dass der Narzisst einem sagt, man sei ein schlechter Therapeut, und er nicht mehr kommt. (Nadja Kupsa, Kevin Recher, 17.11.2020)