Daheim verkosten ist witziger als erwartet.

Foto: Getty Images/gilaxia

Sind Sie schon einmal verkatert in die Arbeit gekommen? (eine rein hypothetische Frage) Der Kopf dröhnt, die Konzentration fehlt, die Stunden vergehen nicht – genau wie die dezent vorwurfsvollen Blicke der Kolleginnen und Kollegen. Das Schöne am Journalismus aber ist, dass sich vieles mit dem Begriff "Recherche" erklären lässt. Sogar ein Kater. Und in diesem Fall war die Recherche tatsächlich kein billiger Vorwand.

Aber mal von Beginn an: Einige der pandemiegebeutelten Gastronomen haben eine kreative Möglichkeit entwickelt, wie sie Verkostungen auch dann abhalten können, wenn ihre Lokale geschlossen bleiben. Sie versenden Probeboxen an die Haushalte und halten die Degustationen über Zoom oder Facebook Live ab. Lohnt das? Macht das Spaß? Nun: Einer muss sich ja opfern, im Dienste des Journalismus. Also ich.

Fancy und stinkig

Angebote gibt es wie Sand am Meer. Das reicht von der herkömmlichen Weinverkostung über das Zusammenspiel mit Käse oder sogar einem Live-Saxofon, zu Schokolade, Essig, Craftbeer – kurzum: Verkostet kann werden, was auf den Tisch kommt. Und das mit dem Vorteil, dass es online keine Ortsgebundenheit gibt. Wer schon immer mal in die Südpfalz wollte, um die dortigen Weine zu verkosten, der kann das jetzt von zu Hause aus machen.

Also ordere ich die Wein-und-Käse-Degustationsbox vom Wein- und Sektgut Wilhelmshof im südpfälzischen Siebeldingen und trage mich für den Degustationstermin ein. Wenige Tage später kommt die Box: Sekt, Weißburgunder, dazu der Weichkäse Délice d’Argental, ein Weißwein, Grauburgunder, der Trüffelkäse Curado al Tartufo, zum Spätburgunder der Ziegenkäse Stracchino di Capra und zum Riesling ein Rochbaron. Alles in ordentlichen Größen. Einziger Nachteil: Mein Kühlschrank riecht nun erbärmlich.

Käse und Wein gibt es in der Degustationsbox vom Weingut Wilhelmshof.
Foto: Gut Wilhelmshof

Am Tag der Verkostung drapiere ich alle Produkte schön auf meinem Esstisch und setze mich vor den Laptop. Barbara Roth, die zusammen mit ihrem Mann Thorsten Ochoko den Wilhelmshof führt, hat mir empfohlen, die Degustation allein zu machen: "Es ist mehr wie ein Seminar, man kann sehr viel lernen." Als ich auf den Zoom-Link klicke, schaue ich in die Wohnzimmer von rund 40 deutschen Haushalten, alle sind in kleinen Grüppchen versammelt. Na großartig. Der einzige Singleverkoster (moi!) macht die Kamera schnell wieder aus.

Schon mal Sekt einschenken

Durch den Abend führt die Sommelière Susanne Lang. Sie erzählt erst die Geschichte des Wilhelmshofs, der Region und der Leckereien, auf die wir uns gleich stürzen werden. "Sie können sich schon den Sekt einschenken, wenn Sie möchten", sagt sie in die Runde. Wir gehorchen brav, muss man uns nicht zweimal sagen. Noch vor der Verkostung des ersten Käses habe ich zwei Gläser intus.

Lang macht das super. Sie erklärt, warum welcher Käse mit welchem Wein gepaart wurde, wie sie hergestellt werden, und bittet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer um ihre Meinung. Anfangs sind alle etwas scheu, bis Gerlinde, eine ältere Dame mit kurzen grauen Haaren das Eis bricht: "Mir schmeckt der Sekt sehr gut, obwohl ich normalerweise keinen Sekt mag", sagt sie und leert ihr halbvolles Glas in einem Zug. Sehr sympathisch, die Gerlinde.

Tatsächlich bin ich der Jüngste in der Runde. Viele meiner Mitverkosterinnen und -verkoster haben sich für den Abend schick gemacht, sitzen in Hemd und Bluse vor der Kamera, der Wohnzimmertisch ist hübsch mit verschiedenen Weingläsern gedeckt. Es wird im Laufe des Abends viel geknutscht. Kein Wunder, auch ich habe spätestens nach dem Grauburgunder einen Damenspitz. Ich bin immer noch heilfroh, dass meine Kamera aus ist. Denn weder habe ich verschiedene Weingläser – noch wen zum Knutschen.

Ich bin besoffen!

Ein älterer Herr mit weißen Haaren und Bart, nennen wir ihn Herrn K., der mit seiner Frau immer wieder vergisst, das Mikrofon auszuschalten, berichtigt die italienische Aussprache der Sommelière. Das macht er aber nicht arrogant, sondern auf sehr charmante Weise. "Ganz viel Liebe für Herrn K.", schreibe ich etwas angesäuselt in den Chat. Das löst eine Welle der Zustimmung in Form virtuellen Händeklatschens aus, darauf meldet sich Herr K. im Laufe des Abends immer wieder eloquent zu Wort.

Eine weitere Gruppe ist weniger freundlich: "Wir fanden, dass der Wein gar nicht zu dem Käse passt, sie stoßen sich gegenseitig gar ab." Erneut bin ich froh, dass mein Mikrofon aus ist, so muss ich mir mein lautes Lachen nicht verkneifen. Meine Aversion gegenüber der Gruppe verfliegt aber Minuten später, als das Gesicht einer Teilnehmerin plötzlich riesig vor der Kamera auftaucht und sie "Ich bin besoffen!" in die Linse schreit. Herrlich. Der Abend wird immer besser.

Ein kleiner Hinweis für alle, denen derlei zu viel Miteinander ist: Das Craftbeer-Geschäft Beer Lovers im sechsten Wiener Gemeindebezirk veranstaltet unter dem verheißungsvollen Titel #DrinkAtHome regelmäßig Verkostungen, die aber über Facebook Live laufen, also ohne öffentliches Publikum. Zeitgleich mit Expertinnen und Experten probiert man die Biere ohne Kamera und Mikro und notiert die Geschmacks- und Geruchserlebnisse.

Dieses schicke Paket gab es zur Craftbeer-Verkostung von Beer Lovers.
Foto: Stu Mostow

Grappa gegen Corona

Um Geschmack und Geruch soll es auch bei der Wein-und-Käse-Verkostung gehen. Mitgeliefert werden deshalb drei verschiedene Aromaräder, die dabei helfen sollen, den Geschmack der Weine und der Käsesorten besser zu kommunizieren. Das ist eine gute Idee und hilft vermutlich, nur leider habe ich nach ein paar Gläsern generell Probleme mit dem Kommunizieren. Vielleicht so viel: Jede der vier Paarungen war fantastisch, ein kulinarisches Highlight nach dem anderen.

Am Ende des Abends fragt Lang, ob sie einen Breakout-Room eröffnen soll, in dem man mit den anderen Teilnehmern noch ein wenig plaudern kann. Dort hänge ich dann weiter mit rund acht anderen Gruppen ab. Knapp zwei Stunden plaudern wir, ich habe sogar Kamera und Mikrofon an, über Gott und die Welt, Herr K. gibt uns den Tipp, dass Grappa gegen das Coronavirus helfen soll, ein anderer führt uns durch seinen privaten Weinkeller.

Mein Kopf tut am nächsten Morgen höllisch weh, weil ich in der ganzen Aufregung und bei all der Gaudi vergessen habe, genug Wasser zu trinken. Also muss ich mir Blicke und die Sprüche am nächsten Tag gefallen lassen. Und vor allem die Frage: "Warum siehst du so fertig aus?" Tja. "Gestern Abend hat mir um 23.30 Uhr ein Typ aus Berlin seinen Weinkeller über Zoom gezeigt." Klingt fast wie ein Abenteuer. (Thorben Pollerhof, 25.3.2021)