Der Flecken Cholame in Kalifornien würde wohl bis heute mit einem sehr kurzen Wikipedia-Eintrag auskommen, wäre da nicht dieses Ereignis vom 30. September 1955: Ein Student namens Donald Turnupseed fährt auf dem State Highway 46 in einem Ford Tudor in östlicher Richtung. Gleich hinter Cholame will er nach links auf die Straße in Richtung Chevron abbiegen. Er übersieht einen Porsche 550 Spyder, der in der Abendsonne schwer auszunehmen ist, und verursacht einen Frontalzusammenstoß. Der Lenker des Porsche ist James Dean, Spitzname "Little Bastard". Er ist zu diesem Zeitpunkt vielleicht der größte Star in Hollywood. Und er hat über die Schauspielerei hinaus nur einen Traum: Er will Autorennen fahren. James Dean ist das einzige Todesopfer dieses Unfalls. Sein Beifahrer Rolf Wütherich überlebt schwer verletzt, und der Verursacher, Donald Turnupseed, kommt mit einigen Schrammen davon.

Die Seele und die Beine baumeln lassen: James Dean 1955 bei einer Pause in Palm Springs auf einem Porsche 356 1600 Speedster.
Foto: imago

Straßenkreuzungen waren immer schon Orte des Schicksals, nicht erst seit Ödipus an einer Weggabelung im Parnass-Gebirge unwissentlich seinen Vater erschlug. Im Fall von James Dean war der Unfall auf einer einsamen Landstraße in der kalifornischen Wüste nur das letzte Kapitel in einer Reihe von schicksalhaften Begegnungen. Die wichtigste war wohl die mit Rolf Wütherich, der erst wenige Wochen davor nach Kalifornien gekommen war. Er arbeitete für die Firma Porsche und galt als führender Experte für Rennwagen. Die Firma Competition Motors in North Hollywood war damals darauf spezialisiert, europäische Sportwagen für die potente Kundschaft aufzufrisieren, und Wütherich erwies sich dabei als besonders geschickt.

Als im September 1955 fünf brandneue Porsche 550 Spyders ankamen, lag es nahe, dass James Dean seinen Model-T-Porsche gegen das deutlich schnellere neue Modell eintauschte. Anfang Oktober war in Salinas ein Rennen angesetzt, bis dahin musste die Zeit genützt werden, um den "Little Bastard" einzufahren.

Heckmalerei

Denn James Dean übertrug den Rufnamen, der ihn begleitete, auf das neue Auto und ließ ihn auf das Heck malen. Damit war der "Torpedo auf Rädern", wie Dean den Boliden euphorisch nannte, personalisiert. Von Wütherich stammen die meisten Informationen über den letzten Nachmittag des Kino-Idols. "Jimmy glühte vor Glück. Wir hatten so viele Pläne. Er war so herzlich mir gegenüber, dass ich beinahe meinen konnte, er wäre in mich verliebt. Ich wurde ein Teil seiner Fantasie: ein weltweit erfolgreicher Rennfahrer zu werden."

Wütherich spielt damit auch auf das bisexuelle Image von Dean an. Gerade erst hatte er den Hollywood-Film Giganten abgedreht, eine Zeit, in der es ihm vertraglich untersagt war, an Autorennen teilzunehmen. Die rote Jacke aus ... denn sie wissen nicht, was sie tun, dem Film, der vielleicht den Höhepunkt in seiner kurzen Karriere ausmacht, hatte er in diesen Tagen vor seinem Tod immer bei sich. Mit Jenseits von Eden lag auch der Film, der ihn wie aus dem Nichts zu einem Superstar gemacht hatte, erst wenige Monate zurück. James Dean war der Held der ersten Generation nach dem Krieg, ein attraktiver, aber auch schwermütig wirkender junger Mann, der Affären mit Marilyn Monroe, Rock Hudson und angeblich sogar mit Marlon Brando hatte. Die italienische Schauspielerin Pier Angeli gilt als seine große Liebe.

Seinem Porsche 550 Spyder verlieh
der Schauspieler den Spitznamen Little Bastard.
Foto: Reuters

Wie groß die Bedeutung der Liebe zu Automobilen bei James Dean war, lässt sich zum Beispiel an der Tatsache ablesen, dass es dazu eigene Buchveröffentlichungen gibt. Vor allem Lee Raskin hat sich einschlägig hervorgetan. Er ist nicht zufällig auch Experte für die Marke Porsche. Sein Fotoband James Dean: At Speed gilt heute als Sammlerstück und kostet um die 150 Dollar. Man kann darin alles über die Passion für das Rennfahren bei James Dean erfahren, von seinen Anfängen mit Motorrädern bis zu dem Lotus Mark IX, den er ursprünglich nach Giganten kaufen wollte und dem er dann den Porsche vorzog. Unter dem Titel On the Road to Salinas hat Raskin dann die Geschichte des verhängnisvollen Tags bis in die letzten Details rekonstruiert.

Dichtung und Wahrheit

Wenn man ihm folgt, sind viele Details der Geschichte wohl eher erfunden. So heißt es etwa, dass James Dean noch gerufen haben soll: "Er muss uns sehen! Er muss doch anhalten!" So hat es jedenfalls Rolf Wütherich später erzählt, der allerdings im Krankenhaus nach dem Unfall zuerst einmal behauptete, sich an nichts erinnern zu können. Unbestritten ist, dass die letzten Stunden von James Dean von einem Enthusiasmus für Geschwindigkeit geprägt waren, der in erotisch aufgeladenen Männerfreundschaften kultiviert wurde. An der Tankstelle Blackwell’s Corner trafen Dean und Wütherich auf Lance Reventlow, geborener Graf Haugwitz-Hardenberg, einen befreundeten Rennfahrer, der mit dem Fernsehregisseur Bruce Kessler unterwegs war. Man verabredete sich zum Abendessen in einem Steakrestaurant in Paso Robles und schmiedete Pläne für einen gemeinsamen Urlaub in Idaho.

Foto: Reuters

Nach dem schockierenden Unfalltod wollten es dann viele Menschen immer schon gewusst haben: "Er war vom Tod besessen", behauptete die Schauspielerin Maila Nurmi über James Dean. Und rund um den Porsche mit dem Namen Little Bastard begannen sich Mythen von einem Fluch zu ranken: Die wiederverwendbaren Teile verursachten angeblich weitere Unfälle.

An dem Ort, an dem James Dean in den Sonnenuntergang seines Lebens fuhr, erinnert heute eine Gedenktafel an ihn. Und bei dem in Amerika üblichen Tempolimit sollte in der Gegend von Cholame selbst mit dem neuesten 911er oder Taycan Turbo S nichts passieren. (Bert Rebhandl, 1.5.2021)