Warum wehrt man sich so dagegen, in Deutsch wenigstens einen Teil der schriftlichen Reifeprüfung wieder in die Hände der Lehrkräfte zu legen, fragt der gelernte Germanist, Lehrer und Schriftsteller Ludwig Laher im Gastkommentar.

Also, liebe Leserin, lieber Leser: Begründet gefälligst einmal, warum U2 (die von Bono, nicht die vom Schottentor in Wien) noch immer aktuell sind. Höre ich da ein Murren? Gibt es da ernsthaft wen, der oder die zu behaupten wagt, U2 seien outdated, von anno Schnee? Pech gehabt. So, und jetzt fangt endlich an mit der nachvollziehbar argumentierten Begründung, die Zeit läuft.

Die österreichische Schule hat soeben den Reifegrad des Maturajahrgangs erhoben. Der definiert sich bei entsprechender Themenwahl unter anderem dadurch, dass man so gut wie keine Chance hat, anderer Meinung sein zu dürfen oder überhaupt eine zu haben. Wer sich in Deutsch für das Aufgabenpaket "Literatur – Kunst – Kultur" entschied, in dem fast nichts zum selbstständig oder gar kreativ Denken vorkam, musste sich zunächst mit der Malerin Frida Kahlo auseinandersetzen. "Auseinandersetzen" ist zu viel gesagt: Es reichte völlig aus, einen Artikel über Kahlo aus der Rheinischen Post zusammenzufassen. "Reichte völlig aus" ist auch zu viel gesagt, denn wehe, die schwer Geprüften hätten noch etwas anderes getan als nachbeten. Das brachte nämlich Abzüge.

Kurzprosa über einen "Verbrauchsphilosophen der Tat" als Maturathema.
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Cash, carry and destroy!

Die zweite Aufgabe nannte sich Textinterpretation. Vier Wünsche hatte das Bildungsministerium zu Werner Koflers Kurzprosa Im Verbrauchermarkt aus den 80ern: erstens – richtig geraten! – schon wieder eine Zusammenfassung, zweitens eine Analyse der formalen und sprachlichen Gestaltung, drittens eine Deutung des Verhaltens des Protagonisten, viertens die Sache mit U2, umgemünzt auf Koflers, sagen wir, mäßig inspirierte, schnell hingeworfene Geschichte: Begründen Sie, warum der Text heute noch aktuell ist.

Da tritt ein Mann auf, der im Supermarkt große Mengen "Oetker Käse-Cracker und Oetker Gewürz-Cracker", Chips, Tiefkühlkost und Dosengetränke ins Wagerl lädt, zahlt und das Zeug draußen im Müllcontainer vernichtet. Er stürmt erneut ins Geschäft, kauft wieder dasselbe plus viel Cola, entsorgt die vollen Glasflaschen im Altglascontainer, auf dem Rest trampelt er herum und brüllt dabei: Cash, carry and destroy! Der Hausdetektiv ruft die Polizei, die den teilentmündigten Ex-Marketingfachmann, der sich Verbrauchsphilosoph der Tat nennt, festnimmt. Ende.

Schwärmen für Schlichtes

Formal gibt's wenig zu analysieren, die Gestaltung ist schlicht. Der Lehrerkommentar weiß es aber besser: Da schwärmt man ernsthaft von Alliterationen und Assonanzen ("z. B. 'Oetker Gewürz- wie auch Oetker Käse-Cracker […] mit krachenden Geräuschen"), das rhetorische Mittel der Aufzählung von Waren wird betont, die Wiederholung von Begriffen hervorgehoben, die Steigerung der Handlung gefeiert.

Die Deutung des Philosophenverhaltens, erhellt der Kommentar, müsse auf Konsumkapitalismuskritik hinauslaufen, die wahren "Irren" gälte es vielleicht unter den "Konsumentinnen und Konsumenten, die sich diesen Mechanismen unterwerfen", zu suchen. So, so. Durch sein Verhalten übe der Held nicht zuletzt "Kritik an der spezifischen Vertriebsform ‚Großmarkt‘ im Gegensatz zum Greißler". Schade nur, dass es dafür nicht den geringsten Ansatzpunkt gibt.

Keine Diskussionen

Das Bildungsministerium hat seit Jahren dieselbe Taktik: Diskussionen zur Deutschmatura sparen wir uns, indem wir zwei Themenpakete anbieten, die kaum wer wählt, weil sie ziemlich anspruchsvoll sind (auch diesmal gibt es ein solches) oder elend, das dritte aber kommt so schön wischiwaschi daher, dass alle brav die eingetrichterten Schritte abarbeiten können und bestehen: "Medien" ist eine Superüberschrift, die Reifeprüflinge fassen zuerst einen Beitrag aus der Furche zusammen, dann erörtern sie einen Artikel des Handelsblatts und beginnen dabei mit einer – richtig! – Zusammenfassung, wie der Journalist selbst mit Breaking News umgeht. Weiters beziehen sie zu dessen Appell Stellung, auf News zu verzichten, und schließlich machen sie eigene Vorschläge, wie man mit News umgehen soll.

Bei meiner Umfrage unter rund einem Dutzend Deutschlehrpersonen aus AHS und BHS, die heuer Maturaklassen hatten, antworteten alle bis auf eine, über 90 Prozent hätten dieses Medienpaket genommen. Nur in einem musischen Gymnasium wählten einige Kandidaten jeden Geschlechts das Literatur- und Kunstthema, beklagten sich aber bitterlich über dessen Qualität.

Unsäglicher Drill

Korrigieren macht bei der Zentralmatura wenig Mühe, die Arbeiten fallen ja meist konform aus, nach Schema F, leidenschaftslos, angepasst. Selbst engagierte Lehrerinnen und Lehrer müssen den unsäglichen Textsortendrill durch Jahre in den Mittelpunkt stellen, weil am Schluss dieses Maturaformat wartet.

Warum wehrt man sich so, in Deutsch wenigstens einen Teil der schriftlichen Reifeprüfung wieder in die Hände der Lehrkräfte zu legen, von denen viele wüssten, wie sie die jungen Leute auf Basis eines spannenden Unterrichts zu originellen, kritischen oder gar poetisch angehauchten Arbeiten motivieren könnten? Öder als jetzt kann es nicht mehr werden. Es tut mir in der Seele weh, wie sehr man die Neugier, das kreative Potenzial kommender Generationen um der vergöttlichten Standardisierung und Vergleichbarkeit willen verkommen lässt. (Ludwig Laher, 27.5.2021)