Wer nicht glaubt, dass Menschen die Dauer zweier Folgen von Chef’s Table für Essen anstehen, wird am Mehringdamm in Berlin-Kreuzberg eines Besseren belehrt. Curry 36 heißt der 1981 gegründete Imbiss, geöffnet täglich bis fünf Uhr morgens. Dem Namen entsprechend führt er jenes Gericht, das symptomatisch ist für die deutsche Esskultur, "quasi ein Weltkulturerbe", wie es auf der Website heißt. Hollywood-Star Tom Hanks war auch schon da.

Bissfest ist die Currywurst in der deutschen Kultur verankert. Bis 2018 leistete sich Berlin ein entsprechendes Museum, natürlich mit angeschlossenem Restaurant. Die entsprechende Website preist noch heute die "Currywurst in the Cup" an, die Probierportion zu 1,60 Euro. Wenn es im Kölner Tatort etwas zu philosophieren gibt, stellen sich die Kommissare Ballauf und Schenk dazu an den Stehtisch der Wurstbraterei, mit Kölsch und Blick auf den Dom. Herbert Grönemeyer schenkte dem Ruhrpott eine standesgemäße Hymne: "Gehste inne Stadt / Wat macht dich da satt? / ʼNe Currywurst / Kommste vonne Schicht / Wat schönret gibt et nichʼ / Als wie Currywurst". Überhaupt der Ruhrpott: Dort lassen sich mit Gratiscurrywürsten sogar Impfskeptiker bekehren, wie die Bild-Zeitung angesichts eines neben einer Pommesbude aufgestellten Impfbusses vor kurzem berichtete.

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Kantinen-Knaller

Mehr als 800 Millionen Currywürste lassen sich die Deutschen jedes Jahr munden. Lange Zeit führte das Gericht die Top Ten der Lieblingskantinenessen an, bis es 2021 von Spaghetti bolognese abgelöst wurde (interessant: Auf Platz sieben steht Chicken Korma). Zum regelrechten Signature Dish brachte es die Currywurst in der Wolfsburger VW-Kantine. Anders als sonst üblich, werden dieser in der hauseigenen Fleischerei weder Phosphate noch Milcheiweiß zugesetzt, bereits das Brät wird mit Curry gewürzt. Weil nun mal nicht jeder einen Job beim weltberühmten Autohersteller ergattern kann, gibt es die VW-Wurst genau wie das VW-Gewürzketchup abgepackt im Supermarkt zu kaufen.

So weit, so Wurst. Dann, vor rund einem Monat, der Skandal: VW kündigte an, in seiner Hauptkantine nur noch vegetarisch zu kochen. Runter mit der Wurst vom Speiseplan, eine Kastrationsgeste, die schnell einen prominenten Widersacher fand: Gerhard Schröder, Bundeskanzler a. D. und Currywurstliebhaber vor dem Herrn (seine fünfte Ehefrau Soyeon Schröder-Kim kocht übrigens ganz hervorragend Koreanisch, wie eine FAZ-Homestory kürzlich enthüllte). Immer schon gab sich die deutsche Politik volksnah, so war das Leibgericht von Schröders Vorgänger Helmut Kohl Pfälzer Saumagen, der genauso schmeckt, wie er klingt. Angela Merkel nennt entweder Spaghetti bolognese oder Kartoffelsuppe.

Wie ernst es ihm ist, legte Schröder in einem Linkedin-Post dar: "Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion. Das soll so bleiben #RettetdieCurrywurst". Danke fürs Gendern! Wer genauer hinsieht, stellt allerdings fest: Viel Wurst um nichts. In rund dreißig Bistrots und Kantinen auf dem VW-Gelände wird nämlich nach wie vor Fleisch serviert. Und das an sieben Tagen die Woche, nachdem es letztes Jahr schon mal zum Wurst-Gate kam, als die Firma den Verkauf auf den Dienstag beschränken wollte.

Die Eltern der Wurst

Erfunden wurde die Currywurst übrigens 1949 von der Berliner Imbissbudenbetreiberin Helga Heuwer. Angeblich. Es soll nämlich auch der Metzger Max Brückner mitgemischt haben. Dessen darmlose Wurst, die "Spandauer Pelle", machte die Imbissinnovation erst möglich – im Nachkriegsdeutschland waren Naturdärme nämlich Mangelware. Heuwer jedoch war es, die aus Tomatenmark, Currypulver, Worcestershire-Sauce und diversen Geheimzutaten eine Sauce kreierte und sich diese 1959 als "Chillup" schützen ließ, eine Zusammensetzung aus Chili und Ketchup. Noch heute pilgern Fans zur Gedenktafel am Standort ihres ehemaligen Imbisses an der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg, der inzwischen einen Asia-Supermarkt beherbergt.

Eine ganz andere Version der Geschichte präsentiert der Schriftsteller Uwe Timm. Ihm zufolge wurde das Gericht bereits 1947 in Hamburg erfunden. Skandal! Seine Novelle "Die Entdeckung der Currywurst" war in den frühen 2000ern übrigens an manchen deutschen Gymnasien Pflichtlektüre.

Bockwurst und Blattgold

Fest steht: Heute, 4. September, ist Tag der Currywurst, und die Berliner Variante ohne Darm ist seit 2020 ein geografisch geschützter Begriff. Es gibt nämlich regionale Unterschiede: So werden rund um Bochum Brühwürste mit oder ohne Darm im Ölbad frittiert, während es sich in Berlin oft um kleingeschnittene Bockwurst handelt. Südlich des Weißwurstäquators hingegen schüttelt man den Kopf über so viel kulinarisches Unverständnis: In Bayern kommen keine Curry-, sondern Nürnberger Rostbratwürste auf die Festzeltgarnitur. Oder besagte Weißwürste, deren Zuzeln eine Kulturtechnik ist.

Natürlich haben sich auch ambitionierte Köchinnen und Köche der Sache angenommen. Der Wiener Würstelstandbetreiber Josef Bitzinger umschreibt die deutsche Currywurst als ein "geschmackloses Würstchen" und bietet stattdessen eine engagiert gewürzte Klobasse an, die sich ihm zufolge gar nicht mal so schlecht verkauft, auch bei Einheimischen. Im Berliner Adlon kostet die in Porzellanschalen servierte Luxusvariante 17 Euro, im Münchener Cosmogrill stammt das mit Blattgoldpuder benetzte Fleisch vom Wagyu-Rind, als Beilage werden Trüffel kredenzt. Manche Berliner Imbisse machen sich einen Spaß daraus, Touristen mit der Kombination Currywurst und Champagner das Geld aus der Tasche zu ziehen. Und dann wäre da die inzwischen geschlossene Curry Queen, ein Hamburger Edelimbiss, der 2009 vom Gault Millau ausgezeichnet wurde. Dessen Betreiber hätten "einen Imbissbudenklassiker so aufgewertet, dass er höheren Ansprüchen genüge", heißt es in der Begründung.

Land der Feinschmecker?

Viel wahrscheinlicher, als auf Blattgold zu beißen, ist allerdings die Sparvariante. Fleisch aus Massentierhaltung. Discounterpommes. Viele machen sich nicht mal die Mühe der eigenen Saucenherstellung. Stattdessen: Ketchupflasche kopfüber jehalten, Currypulver rüberjekippt, Plastikgabel rinne, Mahlzeit! Als für den deutschen Magen unerlässliche Sättigungsbeilage werden Pommes mit Mayo ("Mantaplatte") oder Rot-Weiß ("Pommes-Schranke"), ungetoastetes Toastbrot oder geschmacksneutrale Semmeln gereicht, in Berlin sagt man Schrippen. Und Bier, viel Bier.

Armes Deutschland. Es ist nun mal nicht die Heimat der Feinschmecker, sondern jene der Dichter und Denker. Schiller war sogar für den Verzehr verfaulter Äpfel bekannt, aus Gründen der Kreativitätssteigerung – ja, wir sind hart im Nehmen. Derzeit tut sich ein bisschen was, Nova Regio heißt das produktorientierte, stark regional-saisonal ausgerichtete Küchenwunder, das Restaurants wie das Ernst oder Nobelhart und Schmutzig vorantreiben. Außerdem stehen sich die Berlinerinnen und Berliner auch für Sauerteigmandelcroissants und Crispy Butter Chicken die Beine in den Bauch, nicht nur für Currywurst. Und für ein mit fettigem Huhn und Bratkartoffeln gefülltes Fladenbrot. Noch länger als die Schlange vor Curry 36 ist übrigens die nebenan vor Mustafas Gemüsedöner. Aber das ist eine andere Geschichte. (Eva Biringer, 4.9.2021)