Das Coming-out des eigenen Kindes betrifft nicht nur dessen Leben, sondern oft das der ganzen Familie. Umso wichtiger ist es, von vorneherein eine gute Gesprächsbasis zu haben.

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Lesbische oder schwule Jugendliche sind für die meisten heutzutage kein Problem. Outet* sich das eigene Kind, sorgt das aber selbst bei aufgeschlossenen Eltern häufig für Verunsicherung. Wie reagiere ich nun richtig? Wie kann ich mein Kind unterstützen? Arabella Brunner, Psychologin bei der Rat-auf-Draht-Elternseite weiß, wie sensibel eine solche Situation ist: "Ihr Kind setzt sich mit einem Outing möglicher Kritik von Schulkolleg:innen, Freund:innen, Familie und der Gesellschaft aus. Ein Outing ist daher meist begleitet von vielen Ängsten", sagt sie. "Es ist wichtig, dass Eltern ihren Kindern mit Verständnis und Mitgefühl begegnen und offen danach fragen, welche Unterstützung hilfreich sein könnte." Die Expertin hat Tipps, wie Eltern nun helfen können:

1. Akzeptanz

Oft hilft schon, klar und deutlich Akzeptanz auszudrücken. Denn Kinder könnten fürchten, die Liebe ihrer Eltern zu verlieren, wenn sie nun doch "anders" sind als erwartet. Dahinter steckt oft Scham und die Angst davor, die Eltern zu enttäuschen. Wenn Kinder das Gefühl haben, etwas falsch zu machen oder gar "falsch zu sein", sind Schuldgefühle die logische Folge. Sprechen Sie darum offen aus, dass es völlig in Ordnung ist, sich für das gleiche Geschlecht (oder auch beide Geschlechter) zu interessieren. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie es lieben und wertschätzen und seine sexuelle Orientierung daran nichts ändert. Es ist wichtig, dass Sie das Outing Ihres Kindes ernst nehmen und anerkennen.

2. Vertrauen wertschätzen

Wenn Ihr Kind Ihnen von seinem Outing erzählt, ist das ein großer Vertrauensbeweis und ein Zeichen, dass Ihr Kind sich bei Ihnen sicher fühlt. Freuen Sie sich, dass Ihr Kind Sie an seinem Leben teilhaben lässt. Wenn Sie zufällig vom Outing erfahren, ist es besonders wichtig, keine Vorwürfe zu machen. Offen und ehrlich über die eigene Sexualität zu sprechen ist oft nicht einfach. Viele Kinder wissen innerlich schon lange, dass sie sich sexuell vom gleichen oder von beiden Geschlechtern angezogen fühlen, bevor sie sich trauen, darüber zu sprechen. Versuchen Sie, sich in die Situation Ihres Kindes einzufühlen und zu überlegen, welche Reaktion Sie sich an seiner Stelle von Ihnen wünschen würden.

3. Mut zur Selbstreflexion

Löst das Outing Ihres Kindes in Ihnen Gefühle wie Angst, Ärger oder Unverständnis aus? Dann fragen Sie sich ehrlich, wieso das so ist. Vielleicht fürchten Sie, dass Ihr Kind in der Zukunft Schwierigkeiten bekommt oder bei anderen Kindern auf Ablehnung stößt? Oder Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass Ihr Sohn mit einem Jungen oder Ihre Tochter mit einem Mädchen zusammen ist? Veränderungen brauchen Zeit. Geben Sie sich die Zeit, die Sie brauchen, um sich mit Ihren eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, und hinterfragen Sie auch, wie begründet mögliche Ängste oder Sorgen tatsächlich sind. Wie andere Menschen auf das Outing Ihres Kindes reagieren, können Sie nicht beeinflussen – wohl aber den Umgang mit diesen Reaktionen. Wenn Ihr Kind aufgrund seines Outings Ablehnung erfährt, ist es umso wichtiger, dass Sie es annehmen, trösten und gemeinsam überlegen, was helfen kann.

4. Selbstbestimmung ermöglichen

Ob und vor wem sich Ihr Kind outen möchte, ist eine sehr persönliche Frage und seine eigene Entscheidung. Erzählen Sie daher nicht vorschnell anderen Familienmitgliedern oder Freund*innen davon. Sie können Ihr Kind stattdessen fragen, wer von seinem Outing wissen darf und in welchem Rahmen es darüber sprechen möchte (und in welchem nicht). Fragen Sie Ihr Kind direkt, wie Sie es vor, während oder nach seinem Outing unterstützen können. Auch wenn Ihr Kind darauf keine Antwort weiß, können Sie anbieten, jederzeit da zu sein. Das signalisiert Ihrem Kind, dass es bei Fragen oder Problemen nicht alleine ist.

5. Sich helfen lassen

Zusätzlich zur Unterstützung durch die Eltern kann es dem Kind helfen, mit einer außenstehenden Person über sein Coming-out zu sprechen. Rat auf Draht ist eine erste Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die Rat-auf-Draht-Elternseite steht bei Gesprächsbedarf für Eltern und Bezugspersonen zur Verfügung. Beide vermitteln an passende Anlaufstellen weiter. (APA, 10.06.2022)