Er ist Autofahrer, Radfahrer, Öffi-Fahrer – die Bruchlinien sieht Reinhard Hinger im Gastkommentar ganz woanders, nämlich bei den Miet-Scootern.

Ob stehend oder liegend, sie sind einem meistens im Weg: E-Scooter.
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Damit Sie wissen, welchem Stamm ich angehöre: Ich fahre mit dem Auto seit über 30 Jahren, ich fahre mit dem Rad seit rund 50 Jahren, ich besitze eine Jahreskarte der Wiener Linien seit fast 40 Jahren, und ich gehe zu Fuß ungefähr seit meinem ersten Geburtstag. Was ich nicht benütze, sind Elektroscooter, dazu komme ich noch.

Ich gehöre also (fast) jedem Stamm an. Das erlaubt mir eine These zu jener Debatte, an der sich an dieser Stelle Volker Plass (Radfahrer), Martin Rolshausen (Fußgänger) und Martin Hoffer (Autofahrer) beteiligt haben: Die Grenze zwischen Autofahrern und Radfahrern, die Grenze zwischen Öffi-Benutzern, Autofahrern und Radfahrern, die Grenze zwischen Fahrzeugbenutzern und Fußgängern gibt es nicht. Es gibt nur die Grenze zwischen den rücksichtsvollen Menschen, die sich anständig benehmen – zum Glück eine Mehrheit –, und den anderen. Setz einen Rüpel aufs Fahrrad, setz ihn ins Auto, setz ihn in die U-Bahn, schick ihn zu Fuß auf die Reise: Er oder sie wird immer ein Rüpel sein.

Rücksicht nehmen

Und die anderen werden immer Rücksicht nehmen, kleine Fehler von anderen einkalkulieren und geduldig sein. Sie werden wissen, dass ein Radweg keine Rennstrecke ist und dass Zeit der wichtigste Sicherheitsfaktor ist: Zeit, die man hat, oder Zeit, die man sich einfach nimmt.

Seit dem ersten Lockdown fahre ich täglich eine Stunde mit dem Rad durch die Stadt: in der Früh in die Arbeit und am Nachmittag oder am Abend wieder nach Hause, jeweils 30 Minuten. Ich habe ein paar einfache Tricks entwickelt, die mir helfen, ausgeruht und friedlich anzukommen, und die ich nicht geheim halten will: Bei Rot bleibe ich stehen, wenn ich Nachrang habe, warte ich, ich fahre nicht gegen die Einbahn (auch nicht auf dem Radweg), und wenn ich einen Gehsteig benützen muss, schiebe ich mein Radl.

Schnelle Räder und schnelle Autos kann man kaufen, Geduld nicht.

Mehr motorisierter Verkehr

Einen kleinen Ärger verursachen die Elektroscooter, die herumstehen, herumliegen, herumflitzen. Ich halte sie für eine Fehlentwicklung. Mit Klimaschutz und mit Ökologie haben sie nichts zu tun, sie sind schlicht ein wesentlicher Faktor der Zunahme der Motorisierung und dafür, dass sich viele von uns noch weniger bewegen, als uns guttäte. Dass sie keinen Lärm machen und nicht stinken, bedeutet nicht, dass sie umweltfreundlich sind. Die Erzeugung der Akkus und des nötigen elektrischen Stroms verursacht die Schäden nur woanders. Dass ihre Benützung den Autoverkehr einschränkt, müsste erst bewiesen werden. Für viel wahrscheinlicher halte ich, dass Menschen, die zu Fuß gehen oder Öffis benützen, umsteigen.

In Summe steigt somit der motorisierte Verkehr, und wenn sie herumstehen und herumliegen, behindern sie Fußgängerinnen und Fußgänger, Kinderwägen, Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Aber sie dürften ein gutes Geschäft für wenige sein, von dem aber alle anderen nichts haben. Ich halte es für kein Naturgesetz, dass ihre freie Mietbarkeit in der Stadt erlaubt sein muss. (Reinhard Hinger, 5.7.2022)