Familienurlaub mit den Schwiegereltern? Der Familienrat gibt Tipps, damit sich hoffentlich alle gut verstehen.
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Frage:

Mein Mann und ich machen bald einen Urlaub mit den Kindern am Meer. Meine Schwiegereltern kommen für zehn Tage dazu. Ich habe zugestimmt, weil sie weit weg wohnen und ihre Enkerln nicht oft sehen. Ich dachte auch, vielleicht wird's ja auch ganz angenehm zwecks zeitweisen Babysittings für die Kleinen.

Ich mag meine Schwiegereltern, sie sind herzliche Menschen und superliebe Opa und Oma für unsere Kinder. Es ist nur so, dass sie mich anfangen zu nerven, wenn ich sie länger am Stück sehe. Ihre Sicht auf die Dinge ist oft einfach eine ganz andere. Die Mutter ist übervorsichtig und fürchtet schon, dass die Kinder sich wegen eines gekippten Fensters (im Hochsommer!) erkälten könnten oder an einem Stück Apfel ersticken. Der Vater ist nur am Quatschen und hat immer gute Ratschläge parat – angefangen vom Windelwechseln über ihr Essen bis zum Umgang mit den Kindern ("Wenn sie das macht, müsst ihr so und so darauf reagieren ..."). Je mehr Zeit wir alle miteinander verbringen, desto mehr nehmen sie es sich üblicherweise heraus, bei der Erziehung mitzureden.

Ich frage mich jetzt ein bisschen, wie ich Kontra geben kann, ohne patzig zu werden. Das ist der erste Urlaub gemeinsam ...

Antwort von Linda Syllaba

Patzige Aussagen sind emotionale Reaktionen auf Grenzüberschreitungen, das heißt, Sie bringen Ihren Ärger möglicherweise zu spät zum Ausdruck oder sehen sich in Ihrer Kompetenz infrage gestellt und "schießen" dann über den Tonfall zurück. Ich denke, dass es helfen könnte, Ihre Position vorab klarzustellen und Klarheit darüber zu schaffen, was für Sie okay ist und was nicht.

Einerseits entnehme ich Ihren Zeilen Freude auf ein Wiedersehen und eine potenzielle Entlastung durch die Schwiegereltern. Andererseits warten Sie fast schon darauf, dass es nach einer Weile wieder so kommt, wie Sie es offenbar schon kennen. Wenn es Ihnen gelingt, unaufgeregt und gleich zu Urlaubsbeginn darauf hinzuweisen, dass Sie Erziehungstipps nicht gerne mögen, könnte das ein Gespräch nach sich ziehen, das Ihre Beziehung zueinander sogar stärkt. Allerdings brauchen Sie dafür tatsächlich innere Ruhe, denn es ist damit zu rechnen, dass die Schwiegereltern so etwas nicht gewohnt sind und ihrerseits beleidigt reagieren oder mit "Wir meinen es doch nur gut" argumentieren, also sich rechtfertigen. "Wir sind sehr dankbar und froh, euch zu haben. Ich weiß, dass ihr die besten Absichten habt, und es tut mir trotzdem nicht gut. Bitte, respektiert meinen Wunsch und nehmt euch da zurück." In Klarheit, ohne schlechtes Gewissen oder aus einer erhöhten Position vorgetragen, ist das eine harmlose Sache.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
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Genauso ist es mit der Überängstlichkeit der Schwiegermutter. Sie agiert ihre eigene Angst aus und tut damit niemandem gut. Es suggeriert den Kindern Inkompetenz und schwächt sie darin, eigenverantwortlich und selbstwirksam Erfahrungen zu sammeln. Ich wette, das ist der Oma nicht bewusst. Der Drang in ihr ist sehr groß, Sicherheit zu haben und zu halten – was gewissermaßen immer etwas illusorisch ist. Es kann immer etwas passieren. Es mag auch sein, dass das die Sprache der Liebe ihrer Schwiegermutter ist. So zeigt sie, wie wichtig ihr das Wohlergehen der Kinder ist. Also ein sehr ehrenhafter Beweggrund. Diesen können Sie wie oben ansprechen, sich dafür bedanken, also Wertschätzung zeigen – und gleichzeitig sagen, dass es eine Einschränkung in der Entwicklung der Kinder darstellt.

Vielleicht wollen Sie sich dann darüber austauschen, welche Möglichkeiten es sonst noch gibt, das Bedürfnis, die Kinder wohlbehütet durch ihre Kindheit zu bringen, zu stillen. Die Oma hat ganz bestimmt eigene Themen in ihrer Biografie, die diese Überfürsorglichkeit befeuern. Auch das ist anzuerkennen und wertzuschätzen. "Ich weiß, dass es manchmal schwer ist, die Alarmbereitschaft im Zaum zu halten. Bitte vertrau mir, dass ich gut auf die Kinder schaue, und vertrau auch den Kindern, denn sie sind sehr geschickt, gescheit und gesund. Sie melden sich schon, wenn etwas nicht passt. Es ist mir wichtig, dass die Kinder durch unsere Ängste nicht eingeschränkt werden, denn das ist die Konsequenz aus überfürsorglichem Verhalten. Ich vertraue auch dir, dass du immer dein Bestes geben wirst, um auf unsere Kinder zu schauen. Das ist bestimmt auch mit etwas weniger Nachdruck möglich." (Großeltern haben oft wirklich große Angst, dass den Enkeln ausgerechnet in ihrer Obhut etwas passiert. Diese Vorstellung ist fast unerträglich und macht die Riesenverantwortung deutlich.)

Inhaltlich könnte so ein Gespräch so oder so ähnlich ablaufen. Da aber der Ton die Musik macht, achten Sie auf Ihre innere Haltung: Niemand hier ist besser oder schlechter als der andere. Interessieren Sie sich für Beweggründe und legen Sie offen, was Ihnen wichtig ist. Möglicherweise gibt es Dinge, die Sie wirklich nicht haben wollen. Dann sagen Sie das auch! Da geht es ja um Werte und Ziele in Ihrer Elternschaft, und die sind es wert, offengelegt und zur Not auch verteidigt zu werden.

Lassen Sie sich ein auf ein aufrichtiges, wertschätzendes Gespräch, in dem Grenzen aufgezeigt und Möglichkeiten gesucht werden. Es ist keine Schlacht, die gewonnen werden muss. Es geht nicht ums Recht-Haben, sondern um Ihr Wohlbefinden in der gemeinsamen Zeit und das Einwirken auf die Entwicklung der Kinder. Deshalb gehen Sie mit ganz viel Liebe für alle Beteiligten in so ein Gespräch. Bringen sie metaphorisch gesprochen Blumen mit, also Dankbarkeit und Respekt vor dem, was die Großeltern einbringen und gut machen. Und setzen Sie dennoch klare Grenzen für sich, die Kinder und Ihre Kleinfamilie.

Solange Sie von sich in der Ich-Form sprechen und inhaltlich dabei bleiben, was Ihnen wichtig ist und worum es Ihnen geht und Sie nicht ins vorwurfsvolle Bevormunden fallen, hat eine solche Auseinandersetzen wirklich höchstes Potenzial, einander besser kennen und lieben zu lernen. (Linda Syllaba, 6.8.2022)

Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Die Urlaubszeit ist neben der Weihnachtszeit die schönste Zeit des Jahres. Das hat Konsequenzen: Nicht nur ist es geradezu eine Pflicht, dass man wegen der kostbaren Freizeit gutgelaunt sein muss, sondern zugleich stehen Harmonie und Familienliebe hoch im Kurs. Und dennoch ahnen Sie schon, bei so viel Familienfreude lauert auch Konfliktpotenzial. Was tun?

Die gute Nachricht ist, dass Sie wissen, was auf Sie zukommt, und daher können Sie sich darauf vorbereiten. Alles spricht dafür, dass Ihre Schwiegereltern sich verhalten werden wie immer. Die Oma wird weiter ängstlich sein, und der Opa wird alles besser wissen als andere. Sie selbst können angesichts dessen entweder in Lauerstellung warten, bis es wieder so weit ist und dann innerlich oder äußerlich explodieren. Oder Sie können sich entspannt zurücklehnen in dem Wissen, dass die beiden sind, wie sie sind, aber die Bedeutung von deren Verhalten für Ihre eigene Stimmung begrenzen.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017), "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018) und "Was ist wirklich wichtig im Leben?" (2021).
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Das ist auf den ersten Blick leichter gesagt als getan, doch eigentlich gar nicht so schwer. Sie benötigen dazu zweierlei: das Wissen darum, dass es so kommen wird – und, wichtiger noch, die Fähigkeit, bei Bedarf die eigenen Impulse kontrollieren zu können. Ja, es mag Ihnen unangenehm sein, von den Schwiegereltern besserwisserische Ratschläge zu bekommen, aber Sie können sich bemühen, anstatt wütend zu werden, auf Durchzug zu schalten. Sollen die Großeltern doch machen, was sie wollen. Solange sie nichts anstellen, was Ihren eigenen Erziehungsvorstellungen drastisch entgegensteht, können Sie auf diese Weise die Anwesenheit der beiden wie geplant nutzen, um Zeit für sich und Ihren Mann zu haben.

Selbst wenn die Vorstellungen der Großeltern gelegentlich allzu weit von den Ihren abweichen, hilft es, ruhig zu bleiben – was einem zugegebenermaßen viel Impulskontrolle abverlangen kann. Und dann gilt es, die Zuständigkeiten klar abzustecken: "Wenn ihr die Kleinen habt, geht es nach euren Regeln, aber wenn wir sie haben, nach unseren."
Diese Strategie bewährt sich immer dort, wo Erziehungsberechtigte unterschiedlicher Auffassung sind – bei der Fragestellung zur Erziehung von getrennt lebenden Eltern hatten wir dieses Thema schon einmal.

Wenn es Ihnen im Urlaub gelingt, selbst in so einer engen und daher schwierigen Situation eine gelungene Impulskontrolle vorzuleben, also trotz des ehrlichen Gefühls nicht aus der Haut zu fahren, sondern das Ziel eines erholsamen Urlaubs mit den Kindern, aber auch mit Zeit für sich selbst und für Sie und Ihren Mann vor Augen zu haben, dann erhalten Sie dafür gleich einen doppelten Gewinn. Nicht nur genießen Sie Ihren Urlaub, sondern zugleich sind Sie im Umgang mit Ihren Impulsen vorgelebtes Vorbild für Ihre Kinder (wobei Ihre hier im Beispiel vielleicht noch ein wenig zu jung dafür sind, aber es geht schneller, als man denkt). Zudem werden auch Ihre Kinder eine schöne und wertvolle Zeit mit den Großeltern haben. (Hans-Otto Thomashoff, 6.8.2022)