Madonna bei einem Auftritt in Kolumbien im April 2022.

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In ihrer Rede bei den Billboard Women in Music Awards im Jahr 2016 sprach Madonna darüber, welche absurden Erwartungen an Frauen in der Musikindustrie gestellt würden, und erklärte unter anderem: "Du darfst nicht altern. Altern ist eine Sünde. Du wirst kritisiert und verunglimpft werden – und nicht mehr im Radio gespielt." Und die Queen of Pop sollte recht behalten.

"Ich habe sie schon immer geliebt, und ich liebe sie auch jetzt, aber sie muss ihr Aussehen überdenken. Bitte, altere in Würde – und nicht so": Scrollt man durch die Kommentare unter Madonnas Tiktok- und Instagram-Posts, bekommt man viel Häme zu lesen. Und immer wieder fällt dieselbe Phrase, die oftmals dann ausgepackt wird, wenn sich Frauen, die nicht mehr als jugendlich eingestuft werden, nicht so zurückhaltend und unauffällig verhalten, wie die Gesellschaft es sich von ihnen wünscht: in Würde zu altern.

Madonna zeigt sich in ihren Clips und Postings freizügig, präsentiert wilde Fashion-Kombinationen aus Bustiers, einer Spitzen-Sturmhaube und glitzernden Grills, wie man sie eigentlich nur von Rappern kennt. Und eigentlich macht sie damit nichts anderes als das, was sie immer schon gemacht hat: Sie zeigt sich der Öffentlichkeit als sexuelles Wesen, das nicht davor zurückschreckt, mit Looks zu experimentieren und vor allem zu provozieren. Wurde Madonna nicht erst dadurch zur Ikone? Aber nun, da sie über 60 ist, scheint sich die Welt daran zu stören. Sie sei verzweifelt, peinlich, aufmerksamkeitsgeil, heißt es da. Und ja, Madonna zeigt sich meist in stark bearbeiteten Videos, verfremdet durch Filter – und ist Fillern und Schönheitseingriffen vermutlich nicht abgeneigt. Aber wo genau liegt das Problem?

Madonna im Mai 2022.
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Nicht nur Fans und Trolle haben ihre Schwierigkeiten mit Madonnas Auftreten, sondern zum Beispiel auch Promi-Kollege 50 Cent. Immer wieder geht er auf Social Media auf die Ikone los, bezeichnet sie als "Oma" und macht sich über ihre freizügigen Bilder lustig. Das ging so lange, bis Madonna reagiert hat: "Ich schätze, deine neue Karriere besteht daraus, Aufmerksamkeit zu bekommen, indem du andere erniedrigst. Du bist nur neidisch, dass du nicht so gut aussehen und so viel Spaß haben wirst wie ich, wenn du in meinem Alter bist." Micdrop.

Das Narrativ, dass Madonna "zu alt" für was auch immer sei, bestimmt die Diskussion über sie schon seit einigen Jahren. Nachdem sie im Jahr 2015 bei den Brit Awards aufgrund eines Bühnentechnikfehlers gestürzt war, schrieb der britische Reporter Piers Morgan: "Das ist Gottes Weg, dir zu sagen, dass du zu alt bist, um wie eine Schlampe rumzuspringen."

Chamäleon, Feministin & Gay Icon

Dass (berühmte) Frauen in all ihren Lebensphasen auf unterschiedliche Art und Weise kritisch beäugt und misogyn beurteilt werden, ist natürlich nichts Neues. Aber ein bisschen paradox mutet das Ganze schon an: Unsere Celebrity-Kultur fußt unter anderem auf der Huldigung der ewigen Jugend. Beauty-OPs, bizarre Haut-Treatments mit Eigenblut, Make-up-Techniken, die bis zur Unkenntlichkeit verschleiern, wie die Person darunter wirklich aussieht.

Die Anforderung scheint doch klar zu sein: Bleib gefälligst forever young, du alte Schachtel! Folgt Madonna diesem Rat – wie viele andere Promis auch –, wird sie dafür kritisiert. Zu viele Schönheits-OPs seien es gewesen, heißt es da. Sie sei ja gar nicht mehr zu erkennen, so verändert, geglättet und aufgespritzt sei sie mittlerweile. Na, was denn nun? Jung bleiben, aber bitte nicht zu jung, denn dann wird's peinlich, gleichzeitig aber doch würdevoll altern und sich selbst dabei auch noch treu bleiben? Die Anforderungen der Gesellschaft an alternde Frauen sind nur schwer zu erfüllen – und gelinde gesagt widersprüchlich. Also scheint Madonna sich vorgenommen haben, auf ebendiese zu pfeifen. Und das ist nur konsequent.

Wäre es schließlich Madonna, wenn sie in Gestalt einer Grande Dame ihrem Lebensabend entgegenschreiten würde? Immerhin war sie noch nie dafür bekannt, nach derartigen Regeln zu spielen. Schon seit jeher ist Madonna eine Künstlerin, die sich immer wieder neu erfand, egal ob musikalisch oder in Hinblick auf ihre Fashion-Statements. Zu ihrer Hochzeit schockte Madonna mit brennenden Kreuzen im "Like a Prayer"-Video und schrieb mit dem "Cone Bra" von Jean Paul Gaultier Modegeschichte. Heute, in einer Zeit, in der es in Sachen Popkultur nicht mehr viel unerforschtes Schockpotenzial gibt, greift Madonna eben zu Social Media und verwirrt die Massen mit ihren kurzen Clips, rosa Haaren und ihrem nackten Hintern.

In Wahrheit dürfte es also niemanden überraschen, dass sich Madonna auch mit über 60 Jahren so präsentiert, wie sie möchte: ungewöhnlich, betont sexuell, die prüden Erwartungen an alternde Frauen durchbrechend. Seit dem Beginn ihrer Karriere zeichnet sich Madonna durch ihren Einsatz von Themen wie der weiblichen Sexualität und Selbstbestimmung aus – und wurde somit zu einer feministischen Pop-Ikone, die bewies, dass Sex und Feminismus keine Gegensätze darstellen müssen. Genau dafür und für die teilweise übersexualisierte Art, wie sie sich der Welt präsentierte, wurde sie früher oftmals kritisiert, woraufhin sie festhielt: "Ich bin eine andere Art von Feministin. Ich bin eine schlechte Feministin." Und auch abseits ihrer Kunst setzte sie sich immer wieder für feministische Belange ein, trat zum Beispiel 2017 beim Women's March auf.

Neben ihrer Rolle als feministischer Queen of Pop gilt sie auch als ultimative LGBTQI+-Ikone. Während der Aids-Krise war Madonna der erste Star ihrer Größenordnung, der sich dafür einsetzte, Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Auch in ihrer Musik spiegelt sich queere Kultur auf vielfältige Art und Weise wider, man denke nur an ihren legendären Hit "Vogue", mit dem sie die von People of Color geprägte Subkultur und Kunst des Voguing in den Mainstream katapultierte, die zuvor der queeren Underground-Szene vorbehalten war. Und das im Jahr 1990, also zu einer Zeit, in der queere Menschen aufgrund der Aids-Epidemie mit riesigen Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen hatten.

Hater, Don't Preach

Der Vorwurf, dass Madonna nun, da sie alt sei, es nötig hätte, verzweifelt um unsere Aufmerksamkeit zu buhlen, kann nur von Hater:innen kommen, die vielleicht nicht alt im herkömmlichen Sinne, aber vielleicht altmodisch sind. Madonna und ihre Legacy sind relevant wie eh und je. Das hat zuletzt der "Queen's Remix" von Beyoncés Über-Hit "Break My Soul" von ihrem stark durch die Ballroom-Culture und Voguing inspirierten Album "Renaissance" bewiesen, der sich auf Madonnas Hit "Vogue" beruft.

Madonna ist auch deswegen relevant, weil sie es in Form 15-sekündiger Clips mühelos und einzig durch ihre körperliche Anwesenheit als 64-jährige Frau schafft, so manche Boulevardblätter, selbsternannte moralische Instanzen und Hater:innen zum Toben zu bringen. Und das sagt mehr über unsere Gesellschaft und unser problematisches Bild der idealen alternden Frau aus als über Madonna. "Ich dachte, sie würde würdevoll altern und Frauen zeigen, dass sie sich nicht ändern müssen", lautet ein enttäuschter Fan-Kommentar unter einem ihrer Posts. Dabei macht Madonna mit ihren verrückten Videos und Fotos genau das. Sie beweist uns, dass sie sich nicht ändern muss. Sie war schon immer so – warum sollte sie also jetzt damit aufhören, sie selbst zu sein? (Verena Bogner, 23.12.2022)