Frage:

Mein Mann und ich streiten selten. Wenn wir aber streiten, dann meist, wenn es um die Kinder geht. Wir haben eine Tochter (sieben Jahre) und einen Sohn (drei Jahre). Ich bin, wie soll ich sagen ... eher die bedürfnisorientierte Person in unserer Familie und versuche stets auf die Kinder einzugehen. Er ist eher der "strenge" Typ, bei dem es klare Regeln gibt, und wenn diese nicht eingehalten werden, wird er laut oder bestraft. Das bringt uns regelmäßig in Streitsituationen und belastet die Beziehung sehr. Sein Argument ist: "Ich mische mich nicht in deinen Erziehungsstil ein und du dich nicht in meinen."

Ständiger Streit wegen der Kinder kann langfristig zu handfesten Beziehungskrisen führen.
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Es stimmt schon, dass ich diejenige bin, die ihn ständig kritisiert und er mich eigentlich nie. Aber es fällt mir ausgesprochen schwer, mich nicht einzumischen, wenn ich derartige Situationen hautnah miterlebe. Vor allem, wenn die Kinder weinen, platzt mir oft der Kragen, und ich gehe auf ihn los und schuldige ihn für seine aggressive Art an. Die Kinder suchen dann bei mir Trost. Eine blöde Good-Cop/Bad-Cop-Situation ... Steht es mir zu, dass ich ihn dahingehend kritisiere – oder soll man sich in den Erziehungsstil des Partners lieber nicht einmischen?


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Das ist eine wichtige Frage, die ein häufiges Problem anspricht. Sie schreiben, dass Sie "eher die bedürfnisorientierte Person … (sind) und … stets auf die Kinder einzugehen" versuchen. Das ist fraglos gut gemeint, aber wie steht es da um Ihre eigenen Bedürfnisse? Wenn Sie Ihren Kindern vorleben, dass sie ihre Bedürfnisse immer gleich befriedigt bekommen, dann machen Sie ihnen auf Dauer etwas vor. Denn so funktioniert die Welt nicht. Im Säuglingsalter ist die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung eine wichtige Grundlage für den Aufbau von Urvertrauen. Da passt das. Später hingegen nicht mehr.

Natürlich führt das gelegentlich zum Protest bei Ihren Kindern, gerade in der Trotzphase. Und da ist es von Vorteil, wenn Eltern sich einig sind. Kinder brauchen Berechenbarkeit. Deshalb sollten Eltern idealerweise an einem für die Kinder verlässlich nachvollziehbaren Strang ziehen. Gelingt das nicht, weil die Vorstellungen von Erziehung wie bei Ihnen und Ihrem Mann zu weit auseinanderklaffen, dann sollten die Zuständigkeiten klar verteilt werden. Wer hat wann worüber die Entscheidungshoheit? Kinder können lernen, dass es bei Mama so läuft und bei Papa anders. Nur müssen sie wissen, wann sie woran sind.

Solange es nicht zu Gewalt kommt, sollten Sie deshalb den anderen Erziehungsstil Ihres Mannes respektieren, so wie er den Ihren respektiert. Andernfalls werden Ihre Kinder bald lernen, sie beide gegeneinander auszuspielen. Dann tanzen sie Ihnen bald auf der Nase herum. Zudem stellt sich, wenn Sie immer die Gute sind und Ihr Mann immer der Böse, die Frage, wie lange es dauern wird, bis das Ihre Ehe ernsthaft belasten wird. Dabei sind Sie und Ihr Mann Vorbild für die Kinder, wie eine Beziehung gut gelingen kann. (Hans-Otto Thomashoff, 15.10.2019)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Antwort von Linda Syllaba

Elternpaare, die so deutlich unterschiedliche Erziehungsvorstellungen haben, sollten besonders viel miteinander reden, um dem jeweils anderen Einblick in die eigenen Vorstellungen, Meinungen und Überlegungen zu gewähren. Zwischen bedürfnisorientierter Erziehung und dem klassischen Gehorsamskult liegt immerhin ein Paradigmenwechsel und damit ein völlig anderes Erziehungsweltbild. Das zieht Erklärungsbedarf nach sich!

Das Gute daran ist, dass diese Gespräche potenziell beziehungsfördernd sein können, sofern man sich auf die Andersartigkeit der Zugänge einlassen kann. Sie haben jedoch auch das Potenzial für Streit und Machtkampf. Die eine "Wahrheit" gibt es ja nicht, und so will ich Sie ermutigen, miteinander, aneinander und auch voneinander zu lernen. Denn vielleicht hat Ihnen Ihr Mann in dem einen oder anderen Bereich etwas voraus und umgekehrt Sie ihm?

Wenn Sie sich als die Sanftere erleben, die sich einen empathischeren Familienvater an der Seite wünscht, kann es bedeutsam sein, Ihrem Mann genau diese Empathie entgegenzubringen, die Sie sich von ihm wünschen. Damit sind Sie (ihm und den Kindern) Vorbild und leben das, was Sie predigen. Solange wir darüber streiten, was besser, gescheiter oder sonst etwas ist, stecken wir im Machtkampf fest. Es ist wichtig anzuerkennen, dass andere Familienmitglieder anders sind. Ich bin grundsätzlich bei Ihrem Mann, dass jeder und jede nach der eigenen Fasson leben und somit auch erziehen darf.

Auch für die Kinder ist es grundsätzlich in Ordnung, dass Eltern verschieden sind und sich das auch in unterschiedlichen "Erziehungsstilen" zeigt – sie können damit gut umgehen. Allerdings können Kinder ihre Integrität körperlich, geistig und psychisch noch nicht so schützen wie Erwachsene. Wir sind als Eltern auch Vorbild darin, wie man die eigene Unversehrtheit wahrt, und gleichzeitig in der Verantwortung, die Kinder zu unterstützen, selbst zu lernen, was zu tun ist, wenn sie angegriffen, beschimpft oder abgewertet werden.

Deshalb ist meine Empfehlung: Wenn ihr Mann tatsächlich "übergriffig" wird, ob verbal oder anders, MÜSSEN Sie ihre Kinder schützen und sich dazwischenstellen. Doch auch das sollten Sie mit Ihrem Mann in ruhigen Minuten besprechen und nicht erst dann, wenn die Situation eskaliert. Solche Gespräche bergen große Chancen, nutzen Sie sie! (Linda Syllaba, 15.10.2019)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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