Es ist noch gar nicht so lange her, da inszenierte Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hierzulande eine Gruppe von insgesamt neun Ländern als "First Movers" – die also aus seiner Sicht die erste Welle der Corona-Pandemie so gut wie Österreich gemeistert hätten. Gut abgelichtet, präsentierte sich der türkise Regierungschef medial und in den sozialen Netzwerken wieder einmal als jemand, der in der Krise zu einem exklusiven Zirkel gehört, der offenbar alles im Griff hat und früher als andere Länder nach dem Shutdown Lockerungsschritte setzen und die Wirtschaft hochfahren kann.

Israel und Tschechien haben nach dem Lockdown die Masken fallen gelassen.
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Doch diese Erzählung nimmt nun eine bittere Wendung, denn genau in diesem Kreis der Kurz’schen Vorzeigenationen mutieren über den Sommer zumindest zwei für Österreich zentrale Länder gerade zu First Losers: Israel und Tschechien. Ersteres ist bedeutsam, weil Kurz Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu in dieser Krise besonders schätzt. Tschechien ist allein aufgrund der geografischen Nähe relevant.

In der Genese sind sich Israel und Tschechien im Umgang mit der Corona-Krise wohl recht ähnlich. Man könnte sagen, dass beide Länder nach der gut überstandenen ersten Welle zu sehr in Euphorie verfallen sind und im wahrsten Sinne des Wortes die Masken fallen gelassen wurden – mit harten Folgen.

Explodierende Fallzahlen

Israel befindet sich im zweiten Shutdown, nachdem mit 5500 Corona-Fällen vergangene Woche der traurige Rekord an Neuinfektionen aufgestellt worden ist. In Tschechien schwelten die Corona-Fallzahlen auf mehr als 3000 an, Tendenz steigend. Diese Krise in der Krise dürfte auch an der fehlenden Einsicht des liberal-populistischen tschechischen Regierungschefs Andrej Babiš liegen. Offenbar sind Babiš die anstehenden Regional- und Senatswahlen Anfang Oktober wichtiger als die Gesundheit seiner Bürger. Das Gesundheitsministerium und Experten wollten schon im August Verschärfungen beschließen. Babiš wehrte sich, die Fallzahlen explodierten – am Montag trat sein Gesundheitsminister zurück.

Ob Kurz diese Länder noch als "smart" bezeichnet, jetzt, da sie kein Vorbild, sondern eher ein Schreckensszenario darstellen? Kurz kann von diesen Ländern nur lernen. Es wäre für die Zukunft vielleicht besser, sich nicht dauernd als einer der Besten sehen zu wollen, wenn man dieses Versprechen vielleicht nicht halten kann. Das bekommt Kurz gerade selbst zu spüren, denn auch Österreich rutschte über den Sommer in einen Pfeif-drauf-Modus und ließ die Vorsicht in der Urlaubssaison schleifen. Auch die türkis-grüne Regierung baute zuletzt mit der Aussicht auf einen Impfstoff zu stark auf Optimismus und stimmte zu wenig auf den schweren Herbst ein. Nun ist sie eher hektisch dabei, die hohen Fallzahlen wieder einzufangen.

Es ist auch nicht nachvollziehbar, warum es für Israel und Tschechien keine Reisewarnung gibt – für Schweden aber schon. Dessen Kurs in der Krise bleibt umstritten, aber Schweden konnte die Infektionen stark reduzieren und hält sie im Gegensatz zu Israel, Tschechien und Österreich stabil. Vielleicht gehört der First-Movers-Zirkel neu aufgestellt. (Jan Michael Marchart, 21.9.2020)