Stundenlanges Fernsehen und Am-iPad-Spielen ist nicht gut für die Kinder. Doch sollten strenge Regeln auch während einer Pandemie gelten?

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Frage:

"Mich beschäftigt seit einigen Wochen die Frage, ob ich als Mutter zu streng bin in dieser ganzen Krise. Meine Tochter ist neun Jahre alt und geht in die dritte Klasse Volksschule. Momentan ist sie aufgrund eines Covid-Falls wieder im Homeschooling, was mich als Alleinerzieherin – ebenfalls im Homeoffice – oft sehr überfordert. Wir frühstücken zusammen, vormittags lerne ich mit ihr und arbeite nebenher, dann koche ich Mittagessen, und am Nachmittag muss ich meine restliche Arbeit fürs Büro erledigen. Dazwischen natürlich noch Einkaufen und Haushalt.

Besonders schlimm war es im Lockdown. Da war ihr besonders fad, weil sie niemanden besuchen durfte und auch uns niemand besuchen durfte. Die Folge: Sie sucht andauernd meine Aufmerksamkeit, will spielen, fängt an zu nörgeln, ist frech, manchmal richtig wütend, wenn sie etwas will. Wir streiten uns oft. Ich muss mich im Homeoffice aber nun einmal auf meine Arbeit konzentrieren und kann mich nicht um sie kümmern.

Das führt dazu, dass ich oft sehr streng bin. Ich drohe, besteche und schimpfe viel. Anders geht es nicht. Sie will dann stundenlang am iPad spielen, was ich aber nicht gut finde. Sie hält mir auch dauernd vor, dass ich ihr nichts erlaube. Dass sie bei ihrem Vater viel mehr darf. Dass sie bei ihm Freundinnen einladen darf. Dass er mehr Zeit hat ... was ja klar ist, er sieht sie nur einmal pro Woche und hat sie jedes zweite Wochenende ...

Nun mache ich mir total Sorgen, dass ich sie wirklich vernachlässige. Dass sie langfristige Schäden davon bekommt, weil ich gerade so streng bin. Dass sie ganz zum Vater ziehen möchte, weil der ihr mehr erlaubt. Dass das eigentlich gute Verhältnis zwischen uns bröckelt ... Bin ich da wirklich zu streng? Zu übervorsichtig? Ist es wirklich zu viel verlangt, dass sie sich nachmittags auch einmal allein beschäftigt – ohne iPad? Und kann ich meinem Ex sagen, dass ich es falsch finde, dass er sogar im Lockdown Playdates erlaubte? Oder geht mich das nichts an?"


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Die Corona-Situation mit Homeoffice und Homeschooling ist für alle Beteiligten eine massive Belastung. In meiner Arbeit als Therapeut bekomme ich das intensiv mit, und auch ich selbst merke, wie bedrückend es ist, wenn all die normalen Belohnungsmomente im Alltag – Freunde treffen, Restaurants, Kultur – wegfallen. Das geht Ihnen so und Ihrer Tochter. Dass da bei beiden das Nervenkostüm dünner ist, ist kein Wunder. Und doch wäre es besser, wenn es nicht zum dauernden Streit zwischen Ihnen beiden führen würde. Wie streng Sie sind, steht Ihnen natürlich frei. Doch geht es weniger um die Strenge als darum, dass es Ihnen verständlicherweise auf die Nerven geht, wenn die Langeweile auch Ihrer Tochter auf die Nerven geht und daran trotzdem nichts zu ändern ist. Besser als Strenge und Streit wäre, sich hinzusetzen und gemeinsam zu der Erkenntnis zu gelangen, "wie blöd die aktuelle Situation für uns beide ist".

Denn wenn sich Ihre Tochter darin verstanden fühlt, braucht sie nicht andauernd dagegen anzulaufen, und sie können gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie diese Durststrecke an Spaß und Unterhaltung zu überstehen ist. Ja, es ist nicht zu viel verlangt, dass Ihre Tochter sich allein beschäftigt, doch braucht sie dafür einen Anreiz, was das denn sein kann. Allein fehlt ihr offenbar noch die Fantasie, und so lockt das iPad, das Sie korrekterweise begrenzen. Alternativen reichen von Lesen – wenn sie schon so weit ist, sich dafür zu interessieren – bis hin zu kreativen Beschäftigungen oder auch zur Mithilfe im Haushalt.

Dass Sie angesichts der Gegebenheiten Einkaufen und Haushalt allein jonglieren, muss nicht so sein. Vom Mithelfen kann Ihre Tochter gut lernen, wie das Leben geht – Aufräumen, Putzen, Waschen, Spülen. Gutes Beispiel dafür ist gemeinsames Kochen. Sie können Ihre Tochter schon einmal mit den Vorbereitungen beginnen lassen, während Sie noch ihre Büroarbeiten erledigen. Am Ende steht das Erfolgserlebnis eines schönen Essens, das von Ihnen garniert wird mit viel Lob – Lob hört jeder gern und ist in solchen Zeiten unschätzbar hilfreich. Idealerweise entsteht ein richtiges Ritual aus gemeinsam Überlegen, was es gibt, aus dem Einkaufen, dann der Zubereitung und zu guter Letzt dem Genuss.

Was die Regeln beim Vater angeht, lassen Sie sich da nicht in eine unselige Konkurrenz locken. Wenn der seine eigenen Regeln hat, dann ist das halt so, und da sollten Sie sich nicht einmischen und ihrer Tochter erklären, dass jeder ein Recht auf seine Regeln besitzt. Schwierig wird es, wenn der Vater sich nicht an die Corona-Regeln hält und die Gesundheit Ihrer Tochter und dann auch Ihre eigene gefährdet. Hier können Sie schon fordern, dass er darauf achtet, dass die Sozialkontakte unter sicheren Bedingungen (frische Luft) oder mit Kindern mit geringem Risiko (zum Beispiel Mitschüler aus der Klasse, die sich sowieso täglich sehen) erfolgen. Durchsetzen allerdings können Sie das wohl nicht. (Hans-Otto Thomashoff, 14.12.2020)

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
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Antwort von Linda Syllaba

So ganz ohne Sozialkontakt mit anderen Kindern und ohne die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, in Schule, Spielplatz oder bei Freunden, ist es tatsächlich viel verlangt, dass sich eine Neunjährige den ganzen Nachmittag allein beschäftigen soll und dabei auf den Medienkonsum auch noch verzichten möge. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich halte auch nicht viel vom Daddeln, doch unter den gegebenen Umständen denke ich, dass Sie ruhig auch einmal auf diesen "Babysitter" zurückgreifen dürfen. Zumal der zweite Elternteil als Entlastungsmöglichkeit im eigenen Haushalt in Ihrem Fall ausscheidet.

Die wenigsten Kinder sind auf stundenlange, stille Beschäftigung gepolt. Selbst lesen, malen oder allein irgendwas spielen erschöpft sich nach einiger Zeit. Dann sucht sie natürlich Ihren Kontakt – es ist ja sonst niemand anders da – und findet eine nachvollziehbar gestresste Mutter vor, die keinen Nerv für sie hat, weil sie ihrer Arbeit nicht nachkommt. Ich glaube, ich würde in dieser Situation lieber von gut gemeinten Prinzipien ablassen, als die Lage noch zusätzlich durch diesen Streit zu belasten. Vielleicht können Sie das mit sich selbst ausmachen, dass besondere Situationen eben auch besondere Maßnahmen erfordern und das auch mit ihrer Tochter so besprechen? Ihre Tochter weiß ja, dass sie das iPad nicht so toll finden. Wenn Sie mit ihr darüber reden, vereinbaren Sie, dass es jetzt, in dieser Ausnahmesituation, eine Möglichkeit ist, da durchzukommen. Sie können in Ruhe Ihrer Arbeit nachgehen und anschließend der Tochter zur Verfügung stehen. Medienfrei. So hat alles seine Zeit und seinen Platz im Tagesablauf – und Sie haben weniger Konfliktpotenzial.

Und wenn das Leben wieder "normaler" wird, passen Sie die Vereinbarung wieder an. Kann schon sein, dass Ihre Tochter dann etwas Unterstützung bei der "Entwöhnung" braucht, vielleicht ist es aber auch gar nicht so schlimm, wie Sie es jetzt befürchten.

Eine andere Möglichkeit ist, trotz all den Dingen, die momentan nicht normal sind, weiterhin auf etwas zu bestehen, das bei Normalbetrieb passend ist. Das können Sie machen und Wege finden, den damit verbundenen Stress auszuhalten. Doch den Stress in Form von Schimpfen an Ihrer Tochter auszulassen, halte ich für unfair. Sie ist ein Kind, und auch für sie ist es schwer, das alles zu ertragen. Das Bedrohen, Bestechen und Abwerten schädigt auch die Beziehung zu Ihrer Tochter, nicht nur Ihre Tochter selbst. Wägen Sie selbst ab, ob das als Preis angemessen ist, um mit der Situation klarzukommen.

Und natürlich gibt es noch die Möglichkeit, Ihre Arbeits-"Portionen" so kindgerecht aufzuteilen, dass Ihre Tochter eine Chance hat, die kurze Dauer tatsächlich in Selbstbeschäftigung zu schaffen. Also jeweils 20 Minuten oder kürzer. Sofern das für Ihre Arbeit anwendbar ist. Der Moment, die Ausdehnung dieser Zeitspanne zu trainieren, scheint mir ungünstig.

Ich schlage vor, dass Sie jedenfalls die Gelegenheit nutzen, um mit Ihrer Tochter noch mehr als sonst in Beziehung zu gehen, statt sich selbst zurückzuziehen in eine Rolle, nämlich die der strengen Mutter. Lassen Sie sich ein auf das neunjährige Mädchen, das seine Befindlichkeiten und Gefühle teilen will, das Sie sucht und einfordert als Hauptbezugsperson ihrer Welt. Zeigen Sie Empathie für sie (und für sich selbst), auch wenn Sie nicht auf alles eine Antwort oder eine Lösung haben. Überlegen Sie gemeinsam mit ihr, wie sie da am besten durchkommen. Was braucht Ihre Tochter, was brauchen Sie, und wie können Sie einen guten Weg finden, sodass beide einigermaßen auf ihre Kosten kommen? Wenn Ihre Tochter mitgestalten kann, erhöht sich die Kooperationsbereitschaft bei der Umsetzung der erarbeiteten Ideen. Ich denke, dass Sie auf diese Art eher in eine Entspannung miteinander kommen.

Und ja, natürlich können Sie Ihrem Ex sagen, was Sie von seiner Vorgehensweise halten. Wenn Sie drohen und schimpfen wollen, dann lieber ihn als Ihre Tochter. Er ist erwachsen und kann ganz anders damit umgehen, wenn Sie Dampf ablassen. In dieser Beziehung haben Sie außerdem nicht mehr so viel zu verlieren wie bei Ihrer Tochter. (Linda Syllaba, 14.12.2020)

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Auch individuelles Online-Coaching ist möglich. Aktuelles Buch: "Die Schimpf-Diät" (2019).
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