Regisseure sitzen nicht länger fest im Sattel. Mit jedem neuen Skandal wird an bestehenden Hierarchien gesägt. Derzeit auf dem Prüfstand: der österreichische Regisseur Ulrich Seidl.

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Die isländische Sängerin Björk klagte das Fehlverhalten von Triers beim gemeinsamen Filmdreh 1999 an und meldete sich auch im Zuge von #MeToo zu Wort.

Foto: Screenshot Facebook Björk

Was zählt als sexuelle Belästigung? Björk klärt in den sozialen Netzwerken auf

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Erneut Aufregung um Ulrich Seidl. Nach der Absage der Weltpremiere am International Toronto Film Festival verzichtet auch das Filmfest Hamburg auf die Ehrung von Seidls Lebenswerk mit dem Douglas-Sirk-Preis. Vor der eigentlichen Premiere seines Films Sparta sind das bereits zwei Absagen an den österreichischen Regisseur, obgleich die Vorwürfe wegen mutmaßlicher Missachtung der Kinderrechte am Set von Sparta von offizieller Seite noch untersucht werden.

Ulrich Seidl ist, wie auch sein Landsmann Michael Haneke oder der Däne Lars von Trier, einer jener Regisseure, die von Filmfestivals gerade wegen ihrer moralische Grauzonen auslotenden Filme mit Preisen überschüttet wurden. Dass es unter dem Deckmäntelchen der Kunst gelegentlich auch zu Grenzüberschreitungen am Filmset kam, zeigte sich etwa 1999 im Falle Lars von Triers. Mit der Goldenen Palme für Dancer in the Dark gelang ihm damals der internationale Durchbruch. Auch Hauptdarstellerin Björk wurde prämiert. Doch die isländische Sängerin klagte das Fehlverhalten von Triers während des Filmdrehs an.

Gefährliches Ungleichgewicht

Angesprochen auf die Vorwürfe, zeigte sich von Trier damals in der Welt sachte einsichtig: "Schauspieler verarbeiten alles mit ihrer Technik. Björk besaß keine Technik. Ich habe sie trotzdem mit Methoden 'bearbeitet', die ich bei einem Schauspieler anwenden würde. Björk war dermaßen offen, dass leicht in sie einzudringen war. Dabei war ich vielleicht unvorsichtig." Seine Aussage wirft ein Licht auf das gefährliche Ungleichgewicht, das entstehen kann, wenn ein Regisseur ohne Kontrollinstanz mit unerfahrenen Darstellerinnen und Darstellern arbeitet. Meist geschieht das im Namen von Authentizität.

Das Streben nach Echtheit wird auch in einem anderen prominenten Fall deutlich: Bernardo Bertolucci begründete seine Entscheidung, die damals 19-jährige Maria Schneider am Filmset von Der letzte Tango in Paris (1972) mit einer Analsexszene zu überraschen, in der Butter als Gleitmittel verwendet wurde, so: "Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin."

Gesinnungswechsel

Im Zuge der #MeToo-Bewegung wurde Maria Schneiders Vorwurf posthum neu bewertet. Auch Björk konkretisierte 2017 die Anschuldigung gegen Lars von Trier und lastete ihm unter anderem sexuelle Belästigung an. Sein Team und die auf Autorenfiguren basierende Filmbranche habe damals sein übergriffiges Verhalten blind toleriert und sie im Gegenzug als "die Schwierige" dargestellt.

In beiden Fällen ist ein Muster zu erkennen: Während den Regisseuren für ihr (kokett zugegebenes) Fehlverhalten keinerlei Konsequenzen blühten, wurden die Darstellerinnen von der Branche und den Medien diskreditiert. #MeToo hat hier einen Gesinnungswechsel bewirkt. Nach Harvey Weinstein, der laut der Schauspielerin Asia Argento das Filmfestival von Cannes als persönliches "Jagdrevier" verstand, kam es 2020 auf der Berlinale zu einem neuen Skandal.

Der aus einem Kunstprojekt entstandene Film DAU. Natasha des russischen Künstlers Ilja Chrschanowski zeigte eine derart grausame, von Laien dargestellte Vergewaltigungsszene, dass Fragen nach der Entstehung laut wurden. Mitarbeiterinnen des Projekts beklagten sexuelle Demütigung sowie Übergriffe am Set und beschrieben die Atmosphäre als sektenhaft und manipulativ. Außerdem habe Chrschanowski bewusst nach Mitarbeiterinnen gesucht, die jung, attraktiv und aus zerrütteten Verhältnissen gekommen seien.

Von der Außenwelt abgeschottet

Mit Blick auf die Drehbedingungen erscheint die Kritik glaubwürdig: Drei Jahre lang lebten Laiendarsteller von der Außenwelt abgeschottet in einem Filmset, das einer Kleinstadt während der Stalin-Diktatur nachmodelliert war. Ein Sozialexperiment, in der das Recht einer totalitären Diktatur galt. Der Kameramann von DAU, Jürgen Jürgens, der bereits mit Fassbinder gedreht hatte, gewann den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung.

Fassbinder, der Urtypus des Enfant terrible, war ein Fan des Melodrama-Regisseurs Douglas Sirk. Seidl hätte in Hamburg den Douglas-Sirk-Preis verliehen bekommen sollen. Das Filmfest Hamburg hat sich dagegen entschieden, wird den Film Sparta aber weiterhin zeigen. Man kann nun diskutieren, ob das Festival voreilig agiert oder ob es sich in seiner Rolle als Förderer umstrittener Künstlerfiguren reflektiert. Schließlich sind es Preise, die bestimmte Ästhetiken, deren Methoden und nicht zuletzt den Regisseur als Person ehren.

Die Weltpremiere von Ulrich Seidls Sparta findet am Sonntagabend auf dem Filmfestival von San Sebastián in Spanien statt. (Valerie Dirk, 16.9.2022)