Ungewöhnlich, zugegeben, aber für Mark Leonard legt eine aktuelle Meinungsumfrage unter 50.000 Wählern in 14 EU-Mitgliedstaaten nahe, dass das beste Modell zum Verständnis des Europas des Jahres 2019 nicht die USA oder Großbritannien sind, sondern der Kontinent Westeros aus der beliebten Fernsehserie "Game of Thrones". Im Gastkommentar erklärt der ECFR-Direktor, warum. Garantiert ohne Spoiler zur Europawahl – die findet ja auch erst vom 23. bis 26. Mai 2019 statt.

Das Lied von Feuer, Eis und Drachen: Game of Thrones.
Foto: ap/hbo

Die Europawahlen im Mai werden gerne als der "dritte Akt" in dem populistischen Drama bezeichnet, das 2016 mit dem Brexit-Referendum und der Wahl von US-Präsident Donald Trump begann. Zu erwarten, so heißt es, sei ein großer Showdown zwischen den Kräften "offener" und "geschlossener" Gesellschaften, bei dem die Zukunft der Europäischen Union auf dem Spiel stehe. Es klingt alles sehr plausibel – und ist völlig falsch.

Der Brexit und die Wahl Trumps führten viele politische Analysten zu dem Schluss, dass auch die europäischen Wähler die etablierten Parteien für neue, identitätsgestützte Tribus aufgeben würden. Doch in Amerika sind die politischen und regionalen Trennlinien derart verfestigt, dass sie beeinflussen, wo jemand arbeitet, wen man heiratet und wie man die Welt betrachtet. Und im Vereinigten Königreich haben sich ähnliche Gräben zwischen Nord/Süd, Jung/Alt, Stadt/Land sowie Uniabsolventen und denjenigen, die keine Hochschule besucht haben, aufgebaut.

Radikale Volatilität

Die europäische Politik ist stärker im Fluss. Eine aktuelle Meinungsumfrage von ECFR/Yougov legt nahe, dass das beste Modell zum Verständnis des Europas des Jahres 2019 nicht die USA oder Großbritannien sind, sondern Westeros, der wichtigste Schauplatz der HBO-Serie Game of Thrones. Die politische Landschaft Europas ist ein unberechenbares Schlachtfeld ständig wechselnder Bündnisse; ihr kennzeichnendes Merkmal radikale Volatilität.

Die europäische Politik bewegt sich weniger vom Mainstream zum Rand, sondern verwirbelt sich spiralförmig in alle Richtungen – von links nach rechts, von systemfeindlich zu Pro-Establishment. Die Optionen bei der Wahl im Mai sind derart unklar, dass die Hälfte der Befragten erklärte, gar nicht wählen zu gehen. 15 Prozent haben sich noch nicht entschieden, und von den 35 Prozent, die zur Wahl gehen wollen, sind 70 Prozent Wechselwähler. In absoluten Zahlen sind im Mai 100 Millionen Stimmen noch zu vergeben.

"Der Winter kommt" ist der Leitspruch der Familie Stark in der beliebten Fantasy-Serie. Der eisig kalte Nachtkönig lenkt seine Armee der Wiedergänger Richtung Süden, um Westeros auszulöschen.
Foto: HBO

Kein bloßes Votum über Migration

Anders als 2016 in den USA und Großbritannien ist dies kein bloßes Votum über die Migration. Insgesamt sehen die meisten Europäer die Einwanderung für ihre jeweiligen Länder nicht als zentrales Problem an. Themen gleicher oder größerer Bedeutung sind die Wirtschaft und die vom Nationalismus, dem islamischen Radikalismus, dem Klimawandel und der russischen Kriegslust ausgehenden Bedrohungen.

Die Kommentatoren liegen daher schlicht falsch, wenn sie die Wahl als Konflikt zwischen europafreundlichen Globalisten und euroskeptischen Nationalisten fassen – auch wenn das die zweite Runde der französischen Präsidentschaftswahl beschreibt. Die Meinungsumfrage legt nahe, dass eine große Mehrheit der Europäer keine Notwendigkeit verspürt, sich zwischen ihrer europäischen und ihrer jeweiligen nationalen Identität zu entscheiden.

Probleme mit dem "System"

Das wahre Problem, das die meisten Europäer umtreibt, ist ihre Beziehung zum "System": Fast drei Viertel der EU-Bürger glauben, dass das politische System kaputt ist – entweder auf nationaler Ebene oder auf EU-Ebene oder beides. Wie die einzelnen Wähler dieses Thema fassen, ist der Schlüssel, um zu verstehen, wie sie abstimmen werden.

In der Taxonomie von Game of Thrones lassen sich diese Wähler in vier Hauptgruppen einteilen:

Die erste sind die Starks, die glauben, dass das System nach wie vor funktioniert und sich bedeutsame Veränderungen durch politisches Engagement und Abstimmungen herbeiführen lassen. Das Haus Stark umfasst 24 Prozent der EU-Wähler und hat seine Hochburg im Norden (Deutschland, Dänemark und Schweden).

Einmal Stark, immer Stark: Lady Sansa.
Foto: AP/HBO/Helen Sloan

Die zweite Gruppe sind die Spatzen, die glauben, dass die Politik sowohl auf EU-Ebene als auch innerhalb der Mitgliedstaaten kaputt ist. Zu den radikaleren Kohorten dieser Gruppe gehören Protestbewegungen wie die Gelbwesten, die wie die Revolutionäre in Game of Thrones das System von seiner Korruption säubern und von vorn anfangen wollen. Die Spatzen umfassen 38 Prozent der Wähler, sie sind vor allem in Frankreich, Griechenland und Italien zu Hause.

Unmut in der Bevölkerung war der Nährboden für fanatischen Spatzen.
Foto: AP/HBO

Die dritte Gruppe sind die Unbefleckten, die in Game of Thrones nach ihrer Befreiung aus der Sklaverei der Drachenmutter Daenerys Targaryen folgen. Zu den Unbefleckten der EU gehören Wähler, die den engen Nationalismus ablehnen und ihre Bestimmung im Internationalismus und in transnationalen Projekten suchen. Sie glauben, dass ihre nationalen Systeme das Problem sind und die Lösung in Brüssel liegt. Zu den Unbefleckten gehören 24 Prozent der Wähler, und sie sind in Ungarn, Rumänien, Polen und Spanien gut vertreten.

Daenerys Targaryen und ihre Armee der Unbefleckten.
Foto: ap/hbo

Die letzte Gruppe sind die Wildlinge, die "jenseits der Mauer leben". Diese nationalistischen Euroskeptiker erhalten möglicherweise in der Presse viel Aufmerksamkeit, aber zu ihnen gehören nur 14 Prozent der Wähler. Sie haben tendenziell in Dänemark, Österreich und Italien eine starke Präsenz.

Das "freie Volk", auch bekannt als die Wildlinge.
Foto: HBO/Helen Sloan

Glaubwürdige Veränderer

Die grundlegende Wahl liegt für all diese Gruppen nicht zwischen einem "offenen Europa" und "geschlossenen Nationalstaaten". Die Frage ist vielmehr, ob und in welchen Kontexten der Status quo noch funktioniert. Wenn es eine bedeutende Ähnlichkeit zwischen den USA, Großbritannien und der EU gibt, dann die, dass sich die Parteien inzwischen stärker darauf konzentrieren, ihre Basis zu mobilisieren, als darauf, diese durch Lagerwechsel auszuweiten. Daher werden sich viele Parteien bei der Europawahl auf jene 149 Millionen Menschen konzentrieren, die sich unsicher sind, ob sie überhaupt wählen gehen werden.

Das wird freilich nicht ausreichen. Um die populistischen und nationalistischen Parteien zu schlagen, müssen die Kandidaten des europäischen Mainstreams einige der Spatzen und Wildlinge zurück ins System und auf ihre Seite holen. Hierfür müssen sie sich als glaubwürdige Veränderer positionieren.

Wahl unter hochgradig lokalisierten Bedingungen

Die Schlachten, die es zu gewinnen gilt, werden in Ländern wie Ungarn und Italien ausgetragen, in denen die Euroskeptiker an der Macht sind, und in jenen wie Frankreich, in denen die Europabefürworter eine politische Gegenreaktion haben hinnehmen müssen. Das Spiel hat gerade erst begonnen. (Mark Leonard, Übersetzung: Jan Doolan, Copyright: Project Syndicate, 28.4.2019)