Seepferdchen-Paarung muss wochenlang trainiert werden. Höhepunkt ist die Übergabe der Eier in den Brutbeutel des Männchens (siehe Bild), das dann auch für das Ausbrüten zuständig ist.
Foto: Georg Glaser

Sie bewegen sich kaum und schlagen doch hohe Wellen: Die Langschnauzen-Seepferdchen im Haus des Meeres in Wien sind ein Publikumsmagnet. In einem langgestreckten 1000-Liter-Aquarium stehen die fast 20 Zentimeter großen Erwachsenen um eine Futtertasse im Algenwald herum, während die winzigen, fadendünnen Jungtiere in einem eigenen kleinen Plexiglasbehälter ihre Greifschwänze um dünne Streben wickeln. Dass es die Kleinen überhaupt zu sehen gibt, wird nur durch die hauseigene Zuchtanstalt ermöglicht. Dort wurde kürzlich das tausendste erwachsene Seepferdchen gefeiert. Das dafür nötige Wissen wurde in jahrelanger Forschung im Haus des Meeres gesammelt.

"Bis vor etwa 15 Jahren mussten Seepferdchen in Aquarien ständig durch Wildfänge ergänzt werden", sagt Daniel Abed-Navandi, Initiator und Leiter der Seepferdchen-Zucht im Haus des Meeres. In Gefangenschaft pflanzten sich die Tiere einfach nicht fort. 2005 war allerdings Schluss mit dieser Nachschubquelle: In diesem Jahr wurde das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) auf Seepferdchen ausgedehnt, was einem Verbot des Handels mit Tieren aus freier Wildbahn gleichkam.

Saugende Räuber

Auf die eigenwillig aussehenden Fische einfach zu verzichten war aber laut Abed-Navandi keine Option: "Es gibt drei Meeresbewohner, die die Besucher in einem Aquarienhaus auf jeden Fall sehen wollen: Haie, Oktopoden und Seepferdchen." Außerdem sind sie eine Flaggschiffart für flache Meeresbereiche in Ufernähe, die gerne auch vom Menschen genutzt werden und entsprechend gefährdet sind.

Was also tun, wo doch die Zucht angeblich unmöglich war? "Es ist immer etwas so lange unmöglich, bis einer draufkommt, wie es geht", meint Abed-Navandi. Im Falle von Hippocampus reidi, wie das Langschnauzen-Seepferdchen wissenschaftlich heißt, war es jedoch ein langer Weg bis dahin: Zuerst mussten unter den vorhandenen Exemplaren jene gefunden werden, die gesund genug waren, um Nachkommenschaft hervorzubringen. Dann musste ein Speiseplan entwickelt werden, der die potenziellen Eltern auch auf lange Sicht fit und fortpflanzungsfähig hielt, was sich als gar nicht einfach herausstellte.

"Seepferdchen sind Räuber", sagt Abed-Navandi, "aber sehr langsame." Die Erwachsenen ernähren sich hauptsächlich von Flohkrebsen und Schwebgarnelen, die sie inmitten der Seegras-Wiesen lange Zeit anvisieren und dann mit einem Mal direkt in den Magen einsaugen. Ihre Mundhöhle ist zu einem Saugrohr umgestaltet; Zähne oder bewegliche Kiefer haben sie nicht. Im Aquarium erhalten sie aufgetautes Tiefkühlfutter. Gewöhnlich wird das einfach im Wasser verteilt, aber bei den gemächlichen Seepferdchen erwies sich das als nicht zweckmäßig: Bereits nach einer Viertelstunde beginnt das Futter nämlich zu verderben und kann zu Darminfektionen und Futterverweigerung führen. Stattdessen schafften es Abed-Navandi und seine Mitarbeiter, die Tiere daran zu gewöhnen, ihre Nahrung aus einem Teller im Zentrum des Aquariums zu nehmen, wodurch sie quasi punktgenau gefüttert werden können.

Sex im Synchronschwimmen

Nun galt es, die Tiere zur Paarung zu bewegen. Kein einfaches Unterfangen, denn Seepferdchen-Sex ist alles andere als geradlinig. "Die Partner üben wochenlang das Synchronschwimmen", schildert Abed-Navandi. Erst wenn sie imstande sind, ihre Bewegungen perfekt zu koordinieren, gehen sie zur Sache. Dabei ist Präzision vonnöten, denn das Weibchen übergibt seine Eier in einem komplexen Manöver in den Brutbeutel des Männchens, das sie erst dort befruchtet und in der Folge ausbrütet. Die Partner bleiben lebenslang zusammen, und ein Weibchen von Hippocampus reidi kann alle vier Wochen bis zu 2000 Eier erzeugen. Die daraus schlüpfenden Jungen sind mit freiem Auge gerade sichtbar und damit die kleinsten Nachkommen unter den Seepferdchen, obwohl die Art die drittgrößte unter den mehr als fünfzig weltweit ist.

Die Jungen leben wochenlang im Wasser schwebend und ernähren sich von noch kleineren Plankton-Organismen. Damit das auch im Aquarium klappt, wird im Haus des Meeres eine Methode angewandt, die sich Abed-Navandi in Kalifornien bei der Haltung von Quallen abgeschaut hat: In einem sogenannten Kreiselaquarium werden – im Unterschied zu gewöhnlichen Aquarien, wo turbulente Strömungsverhältnisse herrschen – parallele Wasserströmungsbahnen erzeugt, denn nur aus diesen können die kleinen Seepferdchen genügend Nahrung aufnehmen. Und das müssen sie, denn innerhalb weniger Wochen verhundertfachen sie ihr Gewicht.

Dafür brauchen sie allerdings hochwertiges Lebendfutter, was sich als weiteres Hindernis auf dem Weg zu einer erfolgreichen Zucht herausstellte. Die sonst in solchen Fällen üblichen Salinenkrebse (Artemia-Nauplien), die sich als Trockeneier bequem lagern lassen, erwiesen sich nämlich als ungeeignet: Die Seepferdchenbabys können sie nicht verdauen. "Die kamen lebend hinten wieder raus", erinnert sich Abed-Navandi. Damit nicht genug, starben die Jungen in der Folge an Verdauungsproblemen.

Schonkost für Neugeborene

In geduldigem Herumprobieren fand Abed-Navandis Gruppe schließlich die Lösung: winzige Ruderfußkrebse und Rädertiere, die mit speziellem, fettsäurereichem Futter ernährt werden, das auf diesem Umweg in die Seepferdchen gelangt. Nach etwa einem Monat sind die Kleinen rund zwei Zentimeter groß. Dann gehen sie von ihrer schwebenden Lebensweise zu einer bodenlebenden über, wobei sie sich die meiste Zeit mit ihrem Greifschwanz an Algen klammern.

Die Bemühungen der Haus-des-Meeres-Forscher haben sich gelohnt: "Jetzt ist Hippocampus reidi praktisch ein Haustier", sagt Abed-Navandi. Mittlerweile wird die Art auch in anderen Zoos gezüchtet, aber das Rezept dazu stammt aus Wien. Und von hier gehen auch immer noch Exemplare in die Welt hinaus – zuletzt nach Hongkong. Die Lebensdauer der Tiere in Gefangenschaft hat sich übrigens auch deutlich verlängert: von ursprünglich zwei auf mittlerweile sieben bis acht Jahre. (Susanne Strnadl, 11.7.2019)