Gemeinhin sind Österreicherinnen und Österreicher für ihre Gemütlichkeit bekannt. Aber das ist nur ein Trick! Spätestens an der Billa-Kassa hört sich die Gelassenheit auf. Da blitzt dann die für manche von uns scheinbar unwiderstehliche Versuchung auf, sich gegenüber den anderen einen kleinen Vorteil zu verschaffen. Meistens funktioniert es ja auch. Denn die Vordrängler sind mit einem Selbstbewusstsein und einer Entschlossenheit gesegnet, die man ihnen im Fall anderer, deutlich wichtigerer Taten und Entscheidungen echt hoch anrechnen würde. Da spazieren sie dann festen Schrittes und ohne mit der Wimper zu zucken an der Warteschlange vorbei und schlüpfen arglos in einen Kasseneingang, lassen das Gekaufte entspannt auf das Förderband purzeln, so als wäre überhaupt alles ganz normal und in bester Ordnung.

Besonders Dreiste werfen gar einen sich versichernden Blick zurück auf die läppischen Gesichter der blöd Wartenden, so eiskalt, dass keiner wagt, das arschige Verhalten infrage zu stellen. Ich selber bin leider auch meist zu faul für den zivilen Nahkampf und denke mir, solange nicht mehr als ein so ein Depp (oder Deppin) unter hundert Leuten auftaucht, drück ich das durch. Sie werden aber immer mehr. Denn der Stresslevel nimmt allseits zu, und Ösis haben spätestens seit dem Verlust des Kaiserreichs ohnehin das Gefühl, dauernd benachteiligt zu werden.

Brav in der Reihe

Aber siehe da: Einmal im Ausland, legt der gemeine Österreicher dieses Drängelverhalten untertänigst ab. Da steht er oder sie sich die Beine bei Madame Tussaud’s in London willigst in den Bauch oder reiht sich brav zwei Häuserecken vom Eingang entfernt in die Kaufwilligen-Schlange vor dem Apple-Flagshipstore – als erstrebe man eine Audienz! Da fürchten die Drängler dann doch die internationale Konkurrenz bzw. den Aufschrei derer, die Rüpeln aller Art gleich in die Schranken weisen.

Einmal im Ausland, legt der gemeine Österreicher dieses Drängelverhalten untertänigst ab.
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Okay, niemand steht gerne in einer Warteschlange, schon gar nicht, wenn sie sehr lang ist. Das halten die Nerven in getakteten Zeiten einfach schwer aus. Auf den Postämtern muss es so schlimm gewesen sein, dass es jetzt fast nur mehr Wartenummern gibt, die man nicht versäumen sollte, rechtzeitig zu ziehen. Es müssen schweißtreibende Geduldsproben für die genuinen Vordrängler sein, wenn sie auf der Post vollkommen gleichwertig neben anderen Paketabholern numerisch eingereiht werden und es keinen Spielraum für ihre depperten Spielchen gibt. Bis dato wurden meinerseits aber noch keine pädagogisch wertvollen Auswirkungen an den Supermarktkassen bemerkt.

Gnadenlos abgedrängt

Es gilt weiterhin: Wer nicht bei drei seinen Einkaufwagen aus dem vorderen Bereich der Warteschlange zu einer sich neu öffnenden Kassa geschoben hat, wird von der Meute von hinten gnadenlos abgedrängt. Wenn’s um sie selber geht, können Österreicher ja ganz schön wach sein. Und bei so einem Manöver geht es um viel mehr als nur den Triumph, vier Minuten früher als die anderen daheim zu sein. Da geht es um das erhebende Gefühl, den anderen eine Nasenlänge voraus zu sein, es ihnen wieder einmal gezeigt zu haben und von dieser Überlegenheit einen ganzen Fernsehabend weiter zu träumen.

Schön für sie. Manchmal gehen die Vordrängelversuche aber auch kräftig schief. Da tapste doch unlängst in der Pandemie und bei schmalem Personalstand tatsächlich eine Dame an rund zwanzig in einer langen Reihe wartenden Personen vorbei und wollte sich als Number one direkt an die zweite der beiden geöffneten Kassen stellen. Ihr wurde helles Gelächter aus der ganzen Schlange zuteil, und es folgte ein sanftes Zurückbugsieren der Widerspenstigen an das bittere Ende. Ach, war das schön! (Margarete Affenzeller, 19.8.2022)