Schriftsteller Ludwig Laher kennt das Geburtshaus von Engelbert Dollfuß in Texingtal. Im Gastkommentar schreibt er über eine politische wie museumspädagogische Unsäglichkeit.

Für die einen "Märtyrer" und "Patriot", für die anderen "Arbeitermörder" und "Diktator": Engelbert Dollfuß auf einer Postkarte aus dem Jahr 1934.
Foto: Picturedesk / Austrian Archives

Auf meinen Recherchereisen zu den Geburtshäusern Prominenter, die darin höchstens ihre ersten drei Lebensjahre verbracht hatten, kam ich 2018 auch nach Texing. Ich hatte andernorts schon viel Skurriles, ja Absurdes gesehen, auch Schlitzohriges und Faktenwidriges, um die oft groteske Vermarktung der Berühmtheit zu rechtfertigen.

Von Johann Sebastian Bachs Eisenach bis zu Albert Einsteins Ulm, von Martin Luthers Eisleben bis zu Robert Musils Klagenfurt, von Papst Benedikts Marktl bis zu Hitlers Braunau, das wie Rosa Luxemburgs Zamość lieber nichts mit seinem Sprössling zu tun haben will, reicht der weite Bogen in meinem Buch Wo nur die Wiege stand. Auch Engelbert Dollfuß, "Texings einziger Promi", wie es 2017 in einem Artikel hieß, war mir einen Abschnitt wert.

Nun gibt es in der Gegend seit neuestem einen zweiten Promi, Innenminister Gerhard Karner, bisher Landtagspräsident und Bürgermeister der Großgemeinde Texingtal. Der hat in dieser Funktion, ebenfalls 2018, allen Ernstes behauptet, das Dr.-Engelbert-Dollfuß-Museum habe ein hohes Standing, das Historische würde dort gut erarbeitet und kritisch behandelt.

Seit 1997/98

Als Besucher konnte ich mich davon sofort überzeugen, als ich auf einer neben der Eingangstür angebrachten Tafel lesen durfte: "Geburtshaus des großen Bundeskanzlers und Erneuerers Österreichs Dr. Engelbert Dollfuß". Aha, dachte ich, ist das gar eine originale Weihestätte aus den 30ern, die der Nazizeit getrotzt hat? Im Vorraum wurde ich dann schnell eines Besseren belehrt: "Eingerichtet von der Gemeinde Texingtal in den Jahren 1997/98", hieß es auf einer weiteren Tafel, und dass das Land Niederösterreich sowie das Unterrichtsministerium mit von der Partie waren; ein echter Universitätsprofessor wurde als wissenschaftlicher Leiter ausgewiesen.

Größtenteils unkommentiert stellt man in Texing nebst anderem die goldene Uhr, die Lederaktentasche, die studentischen Verbindungsmützen und -bänder (Text 1998: "Für Verdienste um Österreich wurden dem Bundeskanzler Ehrenbänder von ÖCV-Verbindungen verliehen"), die Orden, die Uniform und die Totenmaske des von den Nazis ermordeten ersten Kanzlers des austrofaschistischen Österreich aus. Neben Biergläsern und Kaffeetassen mit dem aufgedruckten Dollfuß-Bildnis geschmackvoll in eine Vitrine gepackt, gehört ein Kistchen mit zertifizierter Grabeserde seiner letzten Ruhestätte in Wien-Hietzing fraglos zu den Höhepunkten der kritischen Würdigung des umstrittenen Politikers: "Österreichische Erde, die den größten Sohn des Vaterlandes barg".

Der "Märtyrerkanzler"

Eine "Erinnerung an den 70. Todestag von Märtyrerkanzler" Dollfuß 2004 darf ebenso wenig fehlen wie die vielstrophige dichterische Umsetzung seines Heldentodes: "Wir hatten einen Kanzler / Der war so lieb und gut / Daß Östreich glücklich werde / Daß frei die Heimaterde / Gab er sein Herzensblut. // Er war ein Mann des Glaubens / Ein Märtyrer und Held / Ob seiner letzten Stunden / Mit ihren Todeswunden / Klagt nun die ganze Welt."

Ich muss mich zwingen, meinen Bericht über die aufschlussreichen Exponate an dieser Stelle abzubrechen. Im Gästebuch las ich jedenfalls viel Zustimmung zu dem in Texing vermittelten Geschichtsverständnis. Dem dürfte, wenn man seinen Worten Glauben schenkt, auch der neue Innenminister anhängen.

Autoritäres Gehabe

Ex-Kanzler Sebastian Kurz hat mit seinem autoritären Gehabe und seinem Hinschielen auf lupenreine Demokraten wie Viktor Orbán einen Weg beschritten, der brandgefährlich ist. Wie anfällig die Demokratie in rauen Zeiten sein kann, hat Dollfuß eindrucksvoll bewiesen, als er eine Verfassungskrise für die Ausschaltung des Parlaments nutzte. Ich verwahre mich dagegen, den körperlich kleinen Mann unnötig zu dämonisieren, ihn gar in eine Reihe mit Benito Mussolini oder Adolf Hitler zu stellen, zwischen denen Österreich schließlich zerrieben wurde. Er war halt die typisch österreichische Variante, ein bissel grauslich zu Andersdenkenden, aber sehr katholisch, fraglos Täter, aber Gott sei Dank durch seine Ermordung doch in erster Linie Opfer.

Ein Dollfuß-Museum gehört zum Heikelsten, vor das sich ernsthafte Historiker gestellt sehen müssten. Dass Innenminister Karner "seine" Ausstellung dadurch geadelt sieht, dass sie es zu drei Leihgaben für das niederösterreichische Haus der Geschichte gebracht hat, liegt auf einer Linie mit dem Niveau des gesamten Unternehmens, und das ist tief.

Kein Vertrauensvorschuss

Von den Texinger Unsäglichkeiten auf die Qualifikation Karners für seinen Job zu schließen, wäre zu einem so frühen Zeitpunkt sicherlich ungerecht. Einen Vertrauensvorschuss in die Statur und das Denken des Neuen in der Wiener Herrengasse rechtfertigen sie freilich nicht.

Ach ja, meine aktuelle Anfrage bei der Gemeinde Texingtal, ob das Dollfuß-Museum inzwischen womöglich einem Relaunch unterzogen wurde, ergab, dass alles beim Alten geblieben ist. (Ludwig Laher, 7.12.2021)