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Ein massiver Umstieg auf Biomasse wäre zu kurz gegriffen, sagt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Gastkommentar.

Plötzlich leuchtet allen ein, dass ein rascher Umstieg auf erneuerbare Energien nötig ist. Jahrzehntelange Forderungen, motiviert durch Klimaschutz und zur Reduzierung der Importabhängigkeit, verhallten weitgehend folgenlos. Angesichts des brutalen, und in seiner Entwicklung nicht vorhersehbaren Krieges kann es nun gar nicht schnell genug gehen – am besten sollte Österreich schon kommenden Herbst von russischem Gas unabhängig sein. Die einen wollen andere Gaszugänge erschließen, die anderen rasch auf Erneuerbare umsteigen.

Energiebedarf senken

Die Liebäugelei mit der Kernenergie ist spätestens nach den Ereignissen der vergangenen Tage vorbei: Jedes Kernkraftwerk ist ein unverantwortbares Risiko bei gewalttätigen Auseinandersetzungen und eine Waffe in der Hand skrupelloser Aggressoren. Dass bis zum nächsten Winter in Europa kein einziges neues Kernkraftwerk ans Netz gehen wird – trotz bereits jahrelanger Vorbereitungen –, steht auch außer Frage. Energieexperten sind gewohnt, sich vor allem nach neuen, billigen und wenn möglich auch sauberen Energiequellen umzusehen, und so läuft auch die derzeitige Diskussion.

Was kaum thematisiert wird, ist die Notwendigkeit, den Energiebedarf zu senken. Wer behauptet, hier gebe es keine Spielräume, irrt gewaltig: Erst kürzlich haben der Berliner MCC-Forscher Felix Creutzig und Kolleginnen und Kollegen nachgewiesen, dass Energieeinsparungen von 40 bis 80 Prozent ohne Verlust an gesellschaftlichem Wohlergehen möglich sind. Das Energieeffizienzgesetz, das helfen sollte, in allen Bereichen den Energiebedarf zu senken, lässt aber auf sich warten. Bis vor einer Woche, so scheint es, war keine Dringlichkeit gegeben.

Eine Sanierungsoffensive

Eine große thermische Sanierungsoffensive mit strikten Energieeffizienzzielen wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Senkung des Gasbedarfs – etwa 50 Prozent der österreichischen Haushalte heizen fossil – und würde zugleich Arbeitsplätze für Klein- und Mittelbetriebe schaffen. Dass Einsparungen für die Energiewirtschaft nicht attraktiv sind, stimmt nur bei kurzer Betrachtung; je länger der Zeithorizont, desto interessanter werden sie. Das Pariser Klimaabkommen und auch das Urteil des deutschen Verfassungsgerichtes sollten deutlich gemacht haben, dass Perspektiven über 2030 hinaus unumgänglich sind.

Als zweite Säule einer solchen Strategie ist ein rascher Ausbau von erneuerbaren Energieträgern angesagt. Beschleunigte Genehmigungsverfahren, Photovoltaikanlagen auf allen öffentlichen Gebäuden, eine breite Ausbildungsoffensive für Monteure und Selbstbauwillige – Möglichkeiten der Beschleunigung gibt es viele. Dabei darf man aber die Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verlieren.

"Naturschutz ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit."

Erneuerbare Energieträger sind nur dann wirklich nachhaltig, wenn sie weder der Lebensmittelproduktion noch dem Schutz von Ökosystemen im Weg stehen. Dass Naturschutz kein Luxus, sondern Notwendigkeit ist, haben der letzte Bericht des Weltklimarats IPCC und die Berichte des Weltbiodiversitätsrats hinreichend klargemacht. Es geht also um koordinierte Nutzung unserer Fläche mit Augenmaß und um den Schutz der bedrohten Biodiversität. Denn die Fläche Österreichs ist weder erneuerbar noch vergrößerbar, schließt man kommerzielles oder militärisches Land-Grabbing aus.

Österreichs Abhängigkeit ist auch bei Holzimporten groß.
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Die Möglichkeiten, Solarenergie auf bereits bestehenden Infrastrukturen zu gewinnen, sind vielfältig – sie könnten rasch und unbürokratisch genutzt werden und gleichzeitig sichere Geldanlagen für Private darstellen. Auch bei der Windenergie sind beträchtliche Potenziale nachgewiesen. Wasserkraft und Biomasse hingegen sollten mit Bedacht ausgebaut werden, damit durch Übernutzung nicht mittelfristig mehr zerstört wird, als kurzfristig zu gewinnen ist.

Nur mehr 15 Prozent der österreichischen Fließgewässer weisen hohe Qualität auf – weniger, als es internationalen Zusagen entspricht. Der Holzeinschlag beträgt bereits knapp 90 Prozent des Zuwachses – mehr wäre fahrlässig. Österreich ist darüber hinaus heute nach China der weltweit größte Importeur von Rohholz, das in der Sägeindustrie verarbeitet und zu einem guten Teil wieder – als hochpreisige Produkte – exportiert wird. Die Nebenprodukte aus Holzernte und Sägeindustrie werden vielfach verheizt.

Neue Abhängigkeit

In Summe liegt die energetische Verwendung von Holzprodukten und -nebenprodukten in Österreich bei 85 Prozent des inländischen Einschlags. Dabei liefert Biomasse aber weniger als 16 Prozent unserer Energie. Wenn wir also versuchen würden, unseren heutigen Energiebedarf vermehrt durch Biomasse zu decken, würden wir die derzeit bereits bestehende Abhängigkeit von Holzimporten drastisch verschärfen und zugleich eine Lock-in-Situation schaffen, die absehbar der Nachhaltigkeit, ja sogar dem Klima kurz- wie langfristig schadet.

Biomasse ist nur dann CO2-neutral, wenn nicht mehr verbrannt wird, als in derselben Zeit nachwachsen kann. Um die CO2-Emissionen des heute geschlägerten und verbrannten Baumes wieder zu binden, braucht der nachwachsende Baum etwa 70 Jahre. Für Österreich würde das bedeuten, dass wir die gegenwärtige Kohlenstoffsenke im Wald drastisch reduzieren, wenn nicht gänzlich verlieren würden – und die absorbiert derzeit rund fünf Prozent der jährlichen Emissionen. Wir müssen aber innerhalb eines Jahrzehnts die Emissionen um mindestens die Hälfte reduzieren.

Evidenz- und wissenschaftsbasiert vorgehen

Das spricht nicht gegen den Einsatz von Biomasse an sich, insbesondere wenn daraus langlebige Produkte hergestellt werden, wohl aber gegen deren massiven Ausbau, gegen die Verleitung zur systematischen Umstellung von Öl- oder Gasheizungen auf Biomasse (womöglich ohne massive Einsparung an Raumwärmebedarf), denn in wenigen Jahren würden sich diese Investitionen als Fehlinvestitionen erweisen.

Hinsichtlich der Ziele – Importabhängigkeit reduzieren und Klimaschutz im Sinne des Pariser Abkommens erreichen – sind sich in Österreich praktisch alle einig. Bei der Wahl des Weges sollte evidenz- und wissenschaftsbasiert vorgegangen werden, unter Berücksichtigung aller nachhaltigen Entwicklungsziele. Wissenschaft kann helfen, die verständlichen, aber oft kurzsichtigen Forderungen von Interessenvertretungen besser einzuordnen. (Helga Kromp-Kolb, 12.3.2022)