Die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja schreibt in ihrem Gastkommentar über ihre Heimat und den Tag des Kriegsbeginns.

Proteste trotz Demoverbots: "Kein Krieg", steht auf der Maske dieser jungen Frau in Sankt Petersburg.
Foto: AP / Dmitri Lovetsky

Am 24. Februar 2022 hat ein Krieg begonnen. Ich dachte immer, meine Generation, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde, hätte Glück gehabt, wir würden ohne Krieg weiterleben. Bis zu unserem Tod, der, worum wir stets als orthodoxe Christen beten, "friedlich, schmerzlos und nicht peinlich" sein möge. Aber daraus scheint nichts zu werden. Noch ist nicht abzusehen, wie sich die Ereignisse dieses dramatischen Tages auswirken werden.

Der Wahnsinn eines Mannes und seiner ihm ergebenen Handlanger bestimmt das Schicksal des Landes. Wir können nur vermuten, was darüber in fünfzig Jahren in den Geschichtsbüchern stehen wird.

Schmerz, Angst und Scham – das sind die Gefühle an diesem Tag.

Schmerz, weil der Krieg alles Lebendige trifft – das Gras, die Bäume, die Tiere, die Menschen und ihre Kinder.

Angst, weil unser biologischer Instinkt auf die Erhaltung unseres Lebens und des Lebens unserer Nachkommen gerichtet ist.

Scham, weil offensichtlich ist, dass die Regierung unseres Landes die Verantwortung trägt für diese Situation, die großes Unglück über die gesamte Menschheit bringen könnte.

Die Verantwortung für das, was heute geschieht, tragen aber auch wir alle, die Zeugen dieser dramatischen Ereignisse, weil wir sie nicht vorherzusehen und zu verhindern vermochten. Wir müssen diesen eskalierenden Krieg stoppen und uns den propagandistischen Lügen entgegenstellen, die durch die offiziellen Medien auf unsere Bevölkerung einströmen. (Ljudmila Ulitzkaja, 1.3.2022)